Reflexionen nach einem Jahr Menschenrechtsbegleitung in Honduras

Artikel von Nicolas Schärmeli, internationaler Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Anlässlich meiner ersten Kontaktgespräche mit PWS in der Schweiz wurde ich gefragt, weshalb ich ein Jahr als internationaler Menschenrechtsbegleiter tätig sein möchte und was meine Erwartungen seien.

Viele direkte Erwartungen hätte ich nicht, antwortete ich damals; ich wolle vor allem Lernen und Erfahrungen sammeln. Mein Interesse gehöre dem kulturellen Austausch und der Solidarität mit Menschen in schwierigen Situationen. Schlussendlich war mir nicht viel bekannt über Honduras – ein Land, über welches in den Medien wenig berichtet wird, zumindest nicht in der Schweiz.

Nach einem Jahr kann ich sagen, ich bin froh mit dieser Einstellung das Projekt begonnen zu haben. So konnte ich sehr viel mitnehmen. Ich möchte nun davon erzählen, was ich in einem Jahr in Honduras gelernt habe.

Wenn man in einem Land mit einer anderen Kultur und einem anderen historischen, wirtschaftlichen und politischen Kontext ankommt, ist das Wichtigste zuzuhören: sich selbst zurückzunehmen und versuchen, zu verstehen. Ich begann sehr rasch mit Begleitungen und Präsenzarbeit in einigen Gemeinschaften, ich war äusserst interessiert und engagiert. Schnell musste ich lernen, dass es für viele dieser Personen nicht einfach ist, jemandem wie mir einfach zu vertrauen. Dieses Vertrauen muss aufgebaut werden, auch wenn bei den Menschen in den Gemeinschaften ein Grundvertrauen gegenüber PWS vorhanden ist. Dies ist verständlich, denn die ständige Kriminalisierung und auch die Ermordungen von Menschen-rechts- und Umweltverteiger*innen lässt niemanden kalt.

Die Umstände in den Gemeinschaften, welche PWS begleitet sind oft prekär. Viele der Menschen leben in Armut, sind Bauern oder Fischer. Was sie besitzen, ist das Land auf dem sie leben – allerdings ohne Besitztitel, denn eine höchst notwendige Agrarreform hat es bis heute nicht gegeben. Dies führte dazu, dass sich entweder die Elite des Landes oder nationale oder internationales Firmen sich des Landes aneignen, sei dies mit falschen Titeln, Bestechung oder anderen Mitteln, oft auch mitfinanziert aus dem Ausland, meistens dem globalen Norden. Was die betroffenen Menschen in den Gemeinden sich wünschen, ist nicht viel: eine Arbeit, von der sie leben können, auf dem Land ihrer Vorfahren, das ihnen rechtmässig zusteht.

Ich lernte also, bescheidener zu sein, denn was wir in der Schweiz haben, ist nicht selbstverständlich. Ich wusste das, aber das Ausmass war mir nicht bewusst. Allerdings musste ich mir auch eingestehen, dass unser Wohlstand zu gewissem Grad auf dem Rücken unzähliger Personen in Honduras und anderen Ländern gründet, was mich immer wieder zum Nachdenken brachte. Auch das hatte ich gewusst, aber in Honduras habe ich es vor die Augen bekommen.

Ich möchte mich in diesem Artikel jedoch nicht auf die negativen Aspekte beschränken, welche auch die Berichterstattung über das Land prägen. Bevor ich nach Honduras reiste schockierten mich Artikel zu Kriminalitätsraten, zu Repression und Verletzungen von Menschenrechten. Dies alles sind unbestrittene Realitäten. Allerdings scheint mir, dass einzig diese Realitäten komplett den Diskurs prägen, obwohl es auch andere Dinge zu berichten gibt. Es betrübt mich, dass die Sensationslust und Neigung zu Plakativen Berichten so stark ein Bild zeichnen können. Vor Ort habe ich das ganz anders erlebt.

Selten habe ich ein Land besuchte, wo die Menschen so offenherzig, freundlich und grosszügig sind. Für mich war es sehr einfach, mich zu integrieren. Viele Begegnungen waren geprägt von gegenseitigem Interesse an den Unterschieden sowie an den Gemeinsamkeiten, geteiltem Essen, Gesprächen und Austausch. Ich wurde eingeladen zu Anlässen, Aktivitäten und Festen von Leuten, die mich nicht sehr gut kannten, aber Freude hatten an etwas Neuem und am Kennenlernen. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Honduraner*innen mit dem Thema der Migration vertraut sind. Praktisch jede Person hier hat Familienmitglieder in Spanien oder den USA; doch dies ist Spekulation von mir. Nichtsdestotrotz ist diese empathische Seite definitiv vorhanden und ermöglicht viele wunderbare Begegnungen.  

Ich lernte auch viel über Ungerechtigkeit und schwierige Schicksale. Schicksale, die sich niemand aussuchen würde und die im Wesentlichen von externen Faktoren beeinflusst wurden. Mich beeindruckte die Resilienz der Verteidiger*innen, die sich ihrer Situation und der Konsequenzen ihrer Taten klar bewusst sind, die aber auch wissen, dass sie im Recht sind, und dies trotz all den Gefahren und Hürden einfordern. Weil es ihr Recht und weil sie für eine bessere Zukunft kämpfen – mit viel Wissen und Sachverstand, Mut, Entschlossenheit, Resilienz und ein grosses Herzen. Ich fühle mich geehrt, einen Teil dieser steinigen Wege begleitet zu haben und hoffe, dass die rechtmässigen Forderungen eines Tages erfüllt sein werden.  

Schliesslich lernte ich, wie kulturelle Unterschiede nicht nur trennen, sondern auch verbinden können. Ich werde viele diese Erfahrungen, und auch dieses Wissen und Können, mit in die Schweiz zurücknehmen. Dort werde ich auch versuchen, Menschen die neu im Land sind, willkommen zu heissen, sie auf ein nationales Gericht in mein Zuhause einladen, oder zum Besuch eines schönen Orts, den sie noch nicht kennen. Dies sind Erfahrungen und Erlebnisse, die bleiben, die verbinden und die prägen. Mich haben sie jedenfalls motiviert, mich weiterhin zu engagieren, Empathie zu zeigen und mich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.


Foto: Begleitung von ADEPZA in Playa Blanca. Quelle: PWS 2023