Die Landbevölkerung im honduranischen Aguan leidet unter Landnahmen.

PWS hat im November 2021 mehrere landwirtschaftliche Genossenschaften in dieser Region im Norden von Honduras besucht.

Ein Artikel von Mireia Izquierdo, Einsatzkoordinatorin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.
Übersetzt ins Deutsche von Christophe Egger. Tegucigalpa, Honduras, Anfang Dezember 2021.

Am 10., 11. und 12. November unternahm Peace Watch Switzerland (PWS) zusammen mit der amerikanischen Begleitorganisation, Witness for Peace , eine Reise zu mehreren bäuerlichen Genossenschaften, die Teil der Plataforma Agraria der Region Aguán im Norden von Honduras sind. Die Agrarplattform mit Sitz in Tocoa ist ein landesweites Netzwerk von mehr als 30 Organisationen, deren Hauptziel es ist, dem 2011 dem honduranischen Nationalkongress vorgelegte Gesetz zur integralen Agrartransformation Nachdruck zu verleihen. Damit könnten Änderungen in der öffentlichen Politik zugunsten der Bauern und Bäuerinnen zu erreicht werden.

In der Region Aguán herrscht eine fast permanente Krise, und die Lage der Bäuerinnen und Bauern wird seit der Veröffentlichung des Gesetzes zur Modernisierung und Entwicklung des Agrarsektors im Jahr 1992 immer prekärer. Dieses Gesetz förderte den Verkauf von Land auf betrügerische Weise, was zu einer Konzentration des Landbesitzes bei großen Agrarunternehmern führte, deren Ziel Monokulturen sind, insbesondere der Anbau von Palmölplantagen. Infolgedessen wurden die Bauern und Bäuerinnen ihres Landes beraubt.

Nach Angaben von COCOCH4 wurden zwischen 1990 und 1994 30.587 Hektar aus dem Agrarreformfonds verkauft. Von dieser Gesamtfläche waren 20.930 Hektar oder 73,8 % des Departement Colón. Laut einer Studie von CESPAD (honduranische NGO Centro de Estudios para la Democracia) sind von den 54 afrikanischen Palmenkooperativen und assoziativen Unternehmen, die im Rahmen der Agrarreform organisiert wurden, nur neun nicht dem Landverkaufsprozess zum Opfer gefallen.

Diese Situation der Enteignung hat viele Bauern und Bäuerinnen dazu veranlasst, bäuerliche Genossenschaften zu gründen, um sich das zurück zu holen, was ihnen gehört: ihr Land, das ihnen seit Jahren gehört und das sie mit selbst bearbeitet haben. Eine von ihnen, El Remolino, ist seit dem 21. Oktober dabei, ihr Land (1.166 Hektar) zurückzugewinnen. Wir haben sie begleitet. Während der Begleitung konnten wir beobachten, dass etwa 200 Mitglieder der Kooperative ihr Land besetzen und dort in Familienhäusern leben, die mit Plastikdächern, Stöcken und Palmblättern gebaut wurden. Sie erzählten uns, dass die Situation seit dem ersten Tag, an dem sie ihr Land betreten haben, um es wieder in Besitz zu nehmen, kompliziert ist und schon seit Jahren andauert: “2017 hatten wir eine weitere Razzia der Militärpolizei, bei der sie mehrere Bauern beschossen und mit Tränengas angriffen. Sie schossen auf einen Kameraden und trafen ihn in den Schritt, er lag Tage in kritischem Zustand im Krankenhaus”.

Diese Genossenschaft besitzt seit 1991 die ursprüngliche Besitzurkunde für ihr Land. Die Genossenschaft kaufte das Land und schrieb es auf ihren Namen um, trotzdem erklärt sich Inversiones la Ceibeña als rechtmäßiger Eigentümer.

Zwei Mitglieder dieser Kooperative wurden kriminalisiert – einer von ihnen ist ein über siebzigjähriger Mann – sind Haftbefehle in Kraft.

In einer anderen von uns besuchten Kooperative, der Kooperative Gregorio Chávez, wurde uns von Übergriffen der Polizei und des Militärs und sogar von Übergriffen des privaten Sicherheitsdienstes eines großen Unternehmens im Norden berichtet. Der jüngste Vorfall ereignete sich am 8. Juli dieses Jahres, als der Menschenrechtsaktivist Juan Manuel Moncada, ein Mitglied dieser Gesellschaft, ermordet wurde, ein Mord, der von UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) öffentlich verurteilt wurde:

«Das Büro OHCHR in Honduras verurteilt den Mord von Juan Manuel Moncada, Menschenrechts-verteidiger und Leiter des bäuerlichen Unternehmens “Gregorio Chávez”, der am Dienstag, den 6. Juli in der Gemeinde Tocoa, Departement Colón, an den Folgen von Schussverletzungen starb. Herr Moncada hatte zuvor Drohungen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt und war Begünstigter des Nationalen Systemszum Schutz von Menschenrechtsverteidigern, Journalisten, Sozialkommunikatoren und Justizmitarbeitern.»

Das OHCHR bedauert, dass der Staat Honduras keine ausreichenden Präventivmaßnahmen ergriffen hat, um Ereignisse wie diesen neuen Mord zu verhindern, trotz wiederholter Beschwerden und Warnungen über die drohende Gefahr für Menschenrechtsverteidiger in der Region Bajo Aguán, einschließlich des Mordes an Santos Marcelo Torres, ehemaliges Mitglied der Bauerngesellschaft “Gregorio Chávez”, der sich am 26. Juni 2021 ereignete. Die von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (IACHR) im Mai 2014 gewährte Vorsichtsmaßnahme 50-14 beschrieb bereits die ernsthafte Gefährdung von Bauernführern in diesem Gebiet, darunter Mitglieder der Bauerngruppe “Gregorio Chávez”. Das OHCHR fordert die zuständigen Behörden nachdrücklich auf, die notwendigen Ermittlungen unverzüglich und unparteiisch durchzuführen und die Verantwortlichen für diese beiden jüngsten Morde zu finden.“

Trotz der öffentlichen Ablehnung und der Anprangerung durch den Hohen Kommissar sagte uns die Ehefrau des verstorbenen Moncada während der Begleitung, dass bei den polizeilichen Ermittlungen zum Mord an ihrem Ehemann keine Fortschritte erzielt wurden und sie keine Hoffnung auf eine richtige Untersuchung hat, sondern dass ihr vielmehr gesagt wurde, dass “in diesen Fällen nichts getan werden kann”.

Die tragische Situation, in der weite Teile der Landbevölkerung in Aguán leben, ist ein Beleg für die Verschärfung der Agrarprobleme auf nationaler Ebene, die auf verschiedene Ursachen wie Klimawandel, Ernährungsunsicherheit oder Landumverteilung zurückzuführen ist. Bei PWS sind wir dabei, unsere Verbindungen zur Plataforma Agraria weiter auszubauen, um die bäuerlichen Kooperativen von Aguán begleiten zu können.

Wahlen in Honduras: Interview mit einer jungen Honduranerin

Bernhard Erni, Mitglied des Vorstandes von Peace Watch Switzerland (PWS), traf in Tegucigalpa die junge Honduranerin Kimberly Carrillo, Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras. Er lud sie zu einem Gespräch über die Situation nach den Wahlen in Honduras* ein.

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Wahlen in Honduras: Ein Gespräch mit Pedro Canales 

Pedro Canales ist langjähriger Leiter der Asociación para el Desarrollo de la Peninsula de Zacate Grande (ADEPZA), einer Basisorganisation zur lokalen Entwicklung auf der Halbinsel Zacate Grande im Süden von Honduras. ADEPZA wehrt sich gegen die Enteignung ihres Landes durch Grossgrund-besitzende. Am 27. Oktober 2021 hat Pedro Canales den «Premio Nacional, Carlos Escaleros» erhalten. Das ist eine hohe Auszeichnung für Menschenrechtsverteidiger*innen. Peace Watch Switzerland (PWS) begleitet ADEPZA seit beinahe 10 Jahren. 

Bernhard Erni, Vorstandsmitglied von PWS, hat Pedro Canales zu einem Gespräch über die anstehenden Wahlen und die Arbeit von PWS getroffen. Bernhard Erni befindet sich derzeit in Honduras. 

Pedro Canales bei der Preisverleihung.
Pedro Canales bei der Preisverleihung.

Bernhard Erni: Pedro Canales, in Honduras werden am 28. November ein neues Parlament und ein neuer Präsident gewählt. Was hat die abtretende Regierung in den vergangenen vier Jahren geleistet? 

Pedro Canales: Neben der politischen Macht liegen inzwischen auch die wirtschaftliche, finanzielle und auch die juristische Macht in den Händen des Präsidenten und seiner Parteifreunde. Dazu gehören die Grossgrund-besitzenden – auch die von Zacate Grande. Ihnen gehören – gemäss bedingt rechtlichen Landpapieren – 99% der ungefähr 50 Quadratkilometer grossen Halbinsel. So war in den vergangenen vier Jahren unser Kampf um unser Land, um Landpapiere und der gesetzlich verankerten Mitbestimmung, ein Kampf gegen übermächtige Windmühlen. 

Bernhard Erni: Wir stehen vor Neuwahlen. Was erwartest du von diesen Wahlen? 

Pedro Canales: Die Wahl wird – wie bisher – wahrscheinlich nicht korrekt verlaufen. Doch die Vorbedingungen sind besser als vor 4 Jahren. Aber: In Honduras hegen wir grossen Zweifel an der Klasse von Politiker*innen, die sich zur Wahl in den Kongress stellt. Die Opposition mit dem Partido LIBRE wird vielleicht einige zusätzliche Mandate gewinnen. Auch werden neue Kandidat*innen gewählt werden. Sie versprechen Vieles und Grosses. Sie werden sich aber – wie oft geschehen – in die Reihe der Mächtigen einreihen. Zudem wird die eigentliche Macht – die Wirtschaft, die Finanzen, die Rechtsprechung, die Polizei und das Militär – in denselben Händen bleiben wie bisher. 

Bernhard Erni: Pedro Canales, welchen Einfluss wird dies auf die Situation auf der Halbinsel Zacate Grande haben? 

Pedro Canales: Zum Beispiel: Jemand will einer Investorin ein Stück Land verkaufen. Er erhält ein gutes Angebot. Dann kommt der Grossgrundbesitzende und sagt: Das Land gehört mir, nur ich habe gültige Landpapiere. Und so verkauft der Grossgrundbesitzer das Land an die Investorin. Bäuerinnen und Bauern aber, die seit Generationen das Land bebaut und davon gelebt haben, gehen leer aus und werden vom Land vertrieben. 

Aber trotz allem: Das honduranische Volk – und auch wir in Zacate Grande – werden weiter um unsere Rechte kämpfen und für ein menschenwürdiges Leben, gegen die Armut und die Zerstörung unserer Umwelt. Dies wird in Zukunft noch schwierig sein! 

Bernhard Erni: PWS begleitet euch seit ungefähr 10 Jahren. Hat euch das geholfen? Inwiefern kann die Begleitarbeit auch in Zukunft wichtig sein? 

Pedro Canales: PWS hat in der Vergangenheit eine herausragende Arbeit bei uns geleistet. Dies sagte ich kürzlich auch zwei freiwilligen Begleiterinnen von PWS. PWS begleitet hier in der Region in verschiedenen Orten bedrohte Gemeinschaften, in Reitoca, Prado, Costa Azul und in El Triunfo. Das erhöht eure Wirkung. Die Mächtigen hier in der Region haben dadurch mehr Respekt. Das schützt uns auch in Zacate Grande. Von einigen Organisationen 

erhalten wir finanzielle Unterstützung. Das ist wichtig. Ihr gebt uns aber etwas anderes: Eure Präsenz! Als Einsatzleistende vor Ort. Langfristig, verlässlich, sichtbar für die Mächtigen. Das fordert von ihnen mehr Respekt uns gegenüber – anstatt Willkür. Das habe ich persönlich schon öfters erfahren. Die Begleitarbeit von PWS ist für die Menschen hier fundamental. Und ich betone: fundamental – auch in Zukunft – besonders für Zacate Grande. 

Bernhard Erni: Vielen Dank, Pedro Canales, für das Gespräch 

Tegucigalpa, Honduras, 27. Oktober 2021 

Das aktuelle Begleitteam von PWS auf einer Terrasse in Tegucigalpa.

Die Arbeit in einem Team aus nationalen und internationalen freiwilligen Menschenrechts-Begleiter*innen 

Von Jhony Arango, Marina Bieri, Deysi Blandín und Kathrin Klöti, internationale Menschenrechtsbegleiter*innen von PWS in Honduras.

In Honduras ist PWS die einzige Organisation für internationale Menschenrechtsbeobachtung und -begleitung, deren Team sich nicht nur aus internationalen, sondern auch aus nationalen Freiwilligen zusammensetzt. Damit befinden wir uns in einer anderen Situation als unsere Schwesterorganisationen, die ausschliesslich internationale Teams haben. In diesem Artikel möchten wir die Vorteile dieser Besonderheit analysieren und uns fragen, ob sie auch Nachteile mit sich bringt. 

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Ein Pakt für den Erhalt von Land und natürlichen Ressourcen 

Artikel von Marina Bieri, internationale Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras. Tegucigalpa, im September 2021.

Viele der Organisationen, die PWS begleitet, sehen sich mit der Ausgangslage konfrontiert, dass die gewählten Politiker*innen die Interessen der indigenen Bevölkerung ignorieren und Entscheide zu ih-rem eigenen Vorteil fällen. Es wird bewusst in Kauf genommen, dass Gemeinschaften ihre Lebens-grundlage verlieren oder sie werden gar von ihrem Land vertrieben, das sie über Jahrzehnte bewirt-schafteten. Versprechen, die im Wahlkampf gegeben wurden, werden nicht gehalten. Das Wasser-kraftprojekt in der Gemeinde Guajiquiro mit seinen negativen Auswirkungen auf die Lebensgrundlage der lokalen Lenca-Bevölkerung bildet somit keine Ausnahme. Aus diesem Grund führt die autochthone Umweltplattform der Lenca von Guajiquiro, PALAGUA, den Widerstand gegen das Projekt an. 

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Die ZEDEs in Honduras – ein Erlebnisbericht mit kurzer Einführung

Artikel von Sandra Kühne und Deysi Blandin, internationale Menschenrechtsbegleiterinnen von PWS in Honduras.Tegucigalpa, im August 2021 

Was sind die ZEDEs? Sandra Kühne erklärt. 

In diesem Artikel versuche ich zu erklären, was die ZEDEs in Honduras sind, um die Erläuterungen, von Deysi Blandin in einen verständlicheren Kontext zu setzen. Deisy ist honduranische Menschenrechtsbegleiterin im Team von PWS-Honduras und meine Kollegin. 

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