Abtreibung in Honduras: Eine indigene Frau verklagt den Staat Honduras vor der UNO in Genf

Artikel von Anselma, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Fausia wurde 2015 in Honduras vergewaltigt und schwanger. Ihr wurde nicht nur unglaubliche physische und psychische Gewalt angetan, sondern sie wurde auch gezwungen, das Kind zu behalten und auszutragen. In Honduras ist dies kein Einzelfall, denn ein Schwangerschaftsabbruch ist hier unter allen Umständen verboten.

Sogar bei Vergewaltigung, Inzest, Missbildung des Fötus oder Gefährdung des Lebens der Frau verbietet es das honduranische Recht, eine Schwangerschaft abzubrechen.[1] An einer Pressekonferenz im April 2024 in Tegucigalpa erfuhren wir von dem erschütternden Schicksal einer jungen indigenen Frau: Fausia (fiktiver Name) wurde 2015 in Honduras von zwei Männern angegriffen, vergewaltigt und geschwängert. Sie hatte keinen Zugang zur “Pille danach”, denn diese war damals noch verboten.[2]

Fausia gehört zum indigenen Volk der Nahua, ist Menschenrechtsaktivistin und engagierte sich in einem Landkonflikt in ihrer Gemeinde. Die Vergewaltigung sei eine gezielte Repressalie gegen sie und ihre Arbeit als Aktivistin gewesen. Die Täter bedrohten sie mit dem Tod, sollte sie Anzeige erstatten. Einen Monat nach der Tat nahm sie ihren Mut zusammen und zeigte die beiden Männer trotzdem an. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihr auch klar, dass sie schwanger war. Sie wollte die Schwangerschaft abbrechen, konnte es aber nicht. Der Gerichtsmediziner, der sie untersuchte, schüchterte sie ein und stellte klar: Würde sie abtreiben, würde sie selbst zur Angeklagten und Gefangenen. Denn das honduranische Strafgesetzbuch sieht Gefängnisstrafen von drei bis sechs Jahren vor für Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen.  

Die Täter wurden 2017 gefasst, verbrachten vier Monate in Untersuchungshaft und wurden anschliessend wieder freigelassen. Erst 2022 wurde eine erneute Untersuchungshaft angeordnet, seit 2023 sitzt der Haupttäter eine 14-jährige Strafe ab. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Verteidigung des Täters einen Rekurs einlegen wird, der das Urteil aufheben könnte und die Freilassung des Vergewaltigers bedeuten würde.[3]

Schriftzug im Zentrum von Tegucigalpa: “Ich möchte nicht vergewaltigt werden. Die Pille danach verbieten bedeutet einen Schlag für die Frauen”. Foto: PWS.

In Honduras entscheidet der Staat über den Körper einer Frau

Dem honduranischen Gesundheitsministerium zufolge gab es zwischen 2019 und 2023 rund 30’120 Aborte.[4] Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass viele Fälle nicht erfasst werden und die Zahl bis zu 80’000 Aborte jährlich umfassen könnte.[5] Das Verbot führt die Frauen in die Illegalität und bringt sie in eine vulnerable Situation: Sie sind gezwungen, die Abtreibung auf unsichere Weise durchzuführen, zum Beispiel durch die Einnahme von Medikamenten, die eigentlich einen anderen Zweck hätten. Die heimlichen Abtreibungen werden unter unzureichenden hygienischen Bedingungen durchgeführt, es kann zu Komplikationen kommen und die Frauen werden durch den überteuerten Verkauf der Medikamente wirtschaftlich ausgebeutet. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das Recht auf Abtreibung ein Menschenrecht und eine grundlegende Gesundheitsdienstleistung, die ein Staat erbringen sollte.[6]

Sexuelle Aufklärung, Verhütung und folglich auch Abtreibung sind Tabuthemen im evangelikal- und katholisch geprägten Honduras, wo Machismus herrscht und körperliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen weit verbreitet sind. Honduras hat beispielsweise auch eine der höchsten Teenager-Schwangerschaftsraten, täglich werden drei Mädchen unter 14 Jahren durch Vergewaltigung zur Schwangerschaft und Mutterschaft gezwungen. Immerhin, die “Pille danach”, die 2009 nach dem Militärputsch verboten wurde, ist seit März 2023 wieder erlaubt.

Die erste Präsidentin des Landes, Xiomara Castro, hatte im Wahlkampf 2021 die Hoffnungen vieler Frauen und Frauenrechtsorganisationen geweckt, als sie versprach, Schwangerschaftsabbruch wenigstens in drei Fällen – Vergewaltigung, Gefahr für das Leben der Mutter oder Missbildung des Fötus – zu legalisieren. Seit ihrem Amtsantritt 2022 ist jedoch nicht viel passiert, die Entscheidung zur Gesetzesänderung liegt nicht bei der Exekutive, sondern beim von der Opposition dominierten, konservativen Kongress. Dass der Kongress diese Verfassungsänderung beschliessen wird, gilt als höchst unwahrscheinlich.[7]

Fausia vor der UNO in Genf. Foto: Centro de Derechos Reproductivos.

Fausia gegen Goliath

Dennoch, Fausia gibt nicht klein bei: Zusammen mit einer honduranischen Frauenrechtsorganisation (Centro de Derechos de Mujeres CDM) und der internationalen Organisation für reproduktive Rechte (Centre for reproductive rights) hat Fausia acht Jahre nach der Tat den Staat Honduras für den Verstoss an ihren Menschenrechten bei der UNO in Genf angeklagt. Mit dieser Anzeige hoffen sie, dass der UN-Menschenrechtsausschuss den honduranischen Staat zu einer Änderung des gesetzlichen Rahmens anweisen wird.[8] Fausias Leid und alle Strapazen, die sie erdulden musste, macht die Tat zwar nicht wieder gut. Aber es ist ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit und ein Exempel an den Staat Honduras, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen dürfen.

Bei diesem Kampf, so scheint es mir, geht es nicht um David, sondern um “Fausia gegen Goliath”. Eine einzelne Frau gegen den mächtigen Staat Honduras. Im Gegensatz zu David kann Fausia aber auf ein breites Netzwerk an Organisationen sowie starken, mutigen und entschlossenen Frauen zählen, die sie unterstützen. Geschlechtsspezifische Diskriminierungen und Verstösse gegen Rechte, die für mich als Frau in der Schweiz selbstverständlich sind, bewegen mich sehr. Umso beeindruckender ist der Mut von Fausia und vielen anderen honduranischen Frauen, die trotz aller Hindernisse unermüdlich für ihre Rechte kämpfen und die Hoffnung nicht verlieren. Mit Peace Watch Switzerland beobachten wir weiterhin die Situation der Frauenrechte in Honduras und begleiten die Menschen in ihrem Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter.


Titelbild: Pressekonferenz zum Fall Fausia im April 2024 in Tegucigalpa. Foto: PWS.

[1] Spiegel,10.03.23, aufgerufen am 27.06.24: https://www.spiegel.de/ausland/honduras-erlaubt-nach-ueber-10-jahren-wieder-pille-danach-a-5c55c0ad-aeb9-4054-832b-93bfefb456a7

[2] Blog Peace Watch Switzerland, 11.04.23, aufgerufen am 15.07.24: https://peacewatch.blog/2023/04/11/legalisierung-der-pille-danach-ein-wichtiger-meilenstein-fur-die-rechte-der-honduranischen-frauen/

[3] Reproductive Rights, 10.04.24, aufgerufen am 27.06.24: https://reproductiverights.org/honduras-un-human-rights-committee-abortion-ban/

[4] Criterio, 07.12.23, aufgerufen am 27.06.24: https://criterio.hn/hablar-del-aborto-en-honduras/

[5] Spiegel,10.03.23, aufgerufen am 27.06.24: https://www.spiegel.de/ausland/honduras-erlaubt-nach-ueber-10-jahren-wieder-pille-danach-a-5c55c0ad-aeb9-4054-832b-93bfefb456a7 

[6] Reproductive Rights, 10.04.24, aufgerufen am 27.06.24: https://reproductiverights.org/honduras-un-human-rights-committee-abortion-ban/ 

[7] BBC News, 12.04.24, aufgerufen am 27.06.24: https://www.bbc.com/mundo/articles/c80ze9pl980o?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAAR0OeHfuOarbkrFeksHAxI1Sr7WBJAROQ-XZtkyORD_E4dwlC4nnisgX4eU_aem_iWyJDoBoTP2-KxaNnTs4UQ

[8] Criterio, 10.04.24, aufgerufen am 27.06.24: https://criterio.hn/caso-de-aborto-en-honduras-llevado-a-la-onu-evidencia-violaciones-a-derechos-humanos/