Afrikanische Ölpalme, honduranisches Blut: der Anbau, der die Menschenrechte mit Füssen tritt

Artikel von Akira Lozano, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Francisco Morazán, Honduras

Afrikanische Ölpalme und Menschenrechte: Eine Geschichte der Landenteignung und der Resistenz in Tocoa, Colón

In den fruchtbaren Gebieten im Norden von Honduras verbirgt sich hinter dem Grün der afrikanischen Ölpalmenplantagen eine zutiefst schmerzhafte Realität: Gewalt, Enteignung und systematische Menschenrechtsverletzungen. Unter dem Deckmantel von Entwicklung und wirtschaftlichem Fortschritt wurden ganze Gemeinden vertrieben, während Bäuerinnen und Bauern, Führungskräfte und Verteidigerinnen und Verteidiger der Territorien einer zunehmenden Kriminalisierung, ständigen Drohungen und gezielten Morden ausgesetzt sind. Die Palmölindustrie – getragen von Unternehmensinteressen und in vielen Fällen durch die Komplizenschaft des Staates – hat nicht nur Monokulturen, sondern auch Angst, Straflosigkeit und Leid gesät.

Dies ist der dritte und vorletzte Artikel einer Reihe, die sich mit verschiedenen Aspekten des agroindustriellen Modells der afrikanischen Ölpalme in Honduras befasst. Der Text macht die schweren Menschenrechtsverletzungen sichtbar, die durch ein System verursacht werden, das wirtschaftliche Interessen über das Wohlergehen der Bevölkerung und die Unversehrtheit ihrer Territorien stellt. Aufgrund unserer Begleitung in der Gemeinde Tocoa, Colón, und insbesondere in Bajo Aguán, haben wir dokumentiert, wie dieses extraktive Modell gewaltsam gegen organisierte Gemeinschaften durchgesetzt wird, die sich mit Würde, Erinnerung und kollektiver Verteidigung ihres Territoriums dagegen wehren.

Menschenrechtsbeobachterin von PWS begleitet die Plataforma del Bajo Aguán während ihres Treffens mit dem Nationalen Agrarinstitut (INA). Foto: PWS, Dezember 2025

Tocoa, Epizentrum von Monokultur und Gewalt

Die Ausbreitung der Monokultur von Ölpalmen in Honduras konzentriert sich hauptsächlich auf die Atlantikküste, insbesondere auf die Departemente Atlántida, Colón, Cortés und Yoro. Das Departement Colón – und insbesondere die Gemeinde Tocoa – ist zum Zentrum dieses extraktiven Modells geworden, auf das mehr als 51% der nationalen Anbaufläche für diese Kulturpflanze entfallen. Entlang der Nordküste haben ausgedehnte Plantagen angestammte Gebiete, bäuerliches Land und lebenswichtige Ökosysteme ersetzt und damit das soziale und ökologische Gefüge der Region radikal verändert.

Im Rahmen unserer Arbeit der Beobachtung und Verteidigung der Menschenrechte haben wir Organisationen wie die Plataforma Agraria del Bajo Aguán, die Coordinadora de Organizaciones Populares del Aguán (COPA) und das Comité Municipal en Defensa de los Bienes Comunes y Públicos de Tocoa eng und kontinuierlich begleitet. Im Rahmen dieser Arbeit vor Ort haben wir zahlreiche Menschenrechtsverletzungen gegen organisierte Gemeinschaften dokumentiert, die ihre Gebiete gegen die Ausbreitung der Monokultur von Ölpalmen und andere Rohstoffgewinnungsaktivitäten verteidigen, welche ihre Lebensweise, ihre Gemeingüter und ihre Autonomieprozesse bedrohen.

Von der Landverteilung zur Monokultur: Historische Wurzeln des Konflikts

Die Geschichte des Landkonflikts im Bajo Aguán hat ihre Wurzeln in der Agrarpolitik des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen des sogenannten „Proyecto Aguán” wurden Siedlungen gegründet, um die Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten zu fördern. Die Grundstücke waren gesetzlich unveräusserlich und konnten nicht einzeln verkauft werden, da sie unter einem durch die Agrarreform eingeführten Kollektiveigentumsrecht standen.

Dieses Modell wurde 1992 mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Modernisierung und Entwicklung des Agrarsektors (Dekret 31-92) abgeschafft. Dieses Gesetz, das unter dem Einfluss der damaligen neoliberalen Logik verabschiedet wurde, legalisierte den Kauf und Verkauf von Land, das im Rahmen der Agrarreform zugeteilt worden war, und öffnete damit den Weg für einen beschleunigten Prozess der Landakkumulation durch agroindustrielle Unternehmen. In den folgenden Jahrzehnten zerfielen zahlreiche Bauerngenossenschaften, und riesige Landflächen wurden an Unternehmen übertragen, oft unter wirtschaftlichem Druck, Drohungen oder wenig transparenten rechtlichen Mechanismen.

Angesichts dieser Welle der Enteignung begannen sich die Bauerngemeinschaften zu organisieren und die Rückgabe ihres Landes zu fordern, was den Beginn eines strukturellen Konflikts markierte, der sich im Laufe der Zeit verschärft hat.

Von der Gegenreform zur bewaffneten Enteignung: Chronologie der Gewalt und Straflosigkeit

2009–2012

Nach dem Putsch von 2009 intensivierten sich die von Bauernorganisationen vorangetriebenen Prozesse zur Landrückgewinnung. Die Reaktion darauf war eine starke Militarisierung, gewaltsame Räumungen und die Kriminalisierung sozialer Proteste. Damit begann ein neues Kapitel der Gewalt in Bajo Aguán.

Während dieser Zeit erlebte Bajo Aguán eine der blutigsten Phasen des Agrarkonflikts. Laut Human Rights Watch (2014) wurden mindestens 92 Morde im Zusammenhang mit Landstreitigkeiten im Rahmen der Ausweitung des Monokulturanbaus der afrikanischer Ölpalme registriert. Die Opfer waren hauptsächlich organisierte Bauern und Gemeindevorsteher. Es gab ständig Beschwerden über Repressionen und Misshandlungen durch staatliche und private Sicherheitskräfte.

Im gleichen Zusammenhang dokumentierte ein dem Europäischen Parlament vorgelegter Bericht 42 weitere Morde, darunter auch den eines lokalen Journalisten und seiner Partnerin, welche im Zusammenhang mit dem Vorgehen privater, durch agroindustrielle Unternehmen angeheuerte Sicherheitskräfte stehen. Diese Fälle spiegeln das hohe Risiko wider, dem diejenigen ausgesetzt sind, die Menschenrechtsverletzungen in der Region anprangern.

Anstatt die Verbrechen gegen die Landbevölkerung zu untersuchen und zu ahnden, ist eine klare Tendenz zu beobachten, den Kampf der Bauern und Bäuerinnen zu kriminalisieren und das Gebiet zu militarisieren. Zwischen Anfang 2010 und Juli 2011 wurden mindestens 162 Bauern, die Mitglieder von Organisationen in Bajo Aguán waren, vor allem wegen widerrechtlicher Anmassung und Diebstahls von Früchten der afrikanischen Ölpalme angeklagt. Mindestens 80 Bauern wurden wegen dieser angeblichen Straftaten vorübergehend inhaftiert.

2022–2025

Mehr als ein Jahrzehnt später hält die Gewalt in Bajo Aguán weiterhin an. Zwischen 2022 und 2025 haben unabhängige Organisationen mindestens 60 Morde in dieser Region im Norden von Honduras dokumentiert. Von diesen Fällen betreffen mindestens 15 Bauern, die sich in Landrückgewinnungsprozessen organisiert hatten und im Rahmen einer systematischen Unterdrückung gegen diejenigen, die das Recht auf Land verteidigen, ermordet wurden. Allein im bisherigen Verlauf des Jahres 2025 wurden vier weitere Morde registriert, was eine alarmierende Fortsetzung der Gewalt belegt.

Dies geschieht trotz der Tatsache, dass die Regierung von Xiomara Castro im Februar 2022 ein Abkommen mit der Bauernbewegung von Bajo Aguán unterzeichnet hat, um eine friedliche Lösung des Konflikts zu erreichen. Gemeindevorsteher beklagen jedoch, dass das Abkommen aufgrund des starken Einflusses agroindustrieller Interessen, die laut lokalen Zeugenaussagen weiterhin durch illegale bewaffnete Gruppen und Strategien der Landenteignung agieren, erfolglos geblieben ist.

Mit mehr als 200 Todesfällen in drei Jahrzehnten im Zusammenhang mit dem Streit um bäuerliches Land fordern soziale Organisationen ein echtes und wirksames Eingreifen des Staates sowie den Abbau wirtschaftlicher und militärischer Strukturen, die ein Modell der Enteignung und struktureller Gewalt in der Region aufrechterhalten.

Menschenrechtsbeobachterin von PWS begleitet die Plataforma Agraria del Bajo Aguán während eines Treffens mit der bäuerlichen Kooperative Camarones. Foto PWS, Dezember 2025

Straflosigkeit als staatliche Politik

Aufgrund unserer Präsenz in diesem Gebiet haben wir festgestellt, dass es den staatlichen Stellen, die für die Untersuchung dieser Verbrechen zuständig sind, nicht nur an technischen und personellen Ressourcen mangelt, sondern auch an politischem Willen. Selbst in einem Land, in dem Straflosigkeit strukturell verankert ist, ist es besonders gravierend, dass nicht einmal grundlegende Ermittlungsmechanismen bei Drohungen, Angriffen oder Morden an Verteidigern des Territoriums aktiviert werden.

Diese Unterlassung kann nicht als einfache Nachlässigkeit angesehen werden. Es handelt sich vielmehr um eine Form der institutionellen Toleranz, ja sogar der Komplizenschaft gegenüber den wirtschaftlichen Interessen, die das derzeitige agroindustrielle Modell stützen – ein Modell, das Anhäufung und Ausbeutung über Leben, Gerechtigkeit und die Rechte der Völker stellt.

Aufruf zum Handeln und zur unternehmerischen Verantwortung: Palmöl, das mit Blut befleckt ist

Angesichts dieser Realität der Enteignung, Gewalt und Straflosigkeit rufen wir die nationale und internationale Gemeinschaft, Menschenrechtsorganisationen, Medien, soziale Bewegungen und bewusste Bürgerinnen und Bürger dringend dazu auf, den Blick auf Bajo Aguán und alle Gebiete Honduras’ zu richten, die vom Vormarsch der Monokultur, der Militarisierung und der Kriminalisierung der Verteidigung des Territoriums betroffen sind. Es ist unerlässlich, Gerechtigkeit für jedes genommene Leben zu fordern und die legitimen Kämpfe der bäuerlichen, afro-stämmigen und indigenen Gemeinschaften zu unterstützen, die das Land und die Gemeingüter verteidigen. Erinnerung, aktive Solidarität und kollektiver Druck sind grundlegende Instrumente, um den Ring des Schweigens und der Straflosigkeit zu durchbrechen.

Gleichzeitig ist es unerlässlich, einen direkten Appell an die Unternehmen zu richten, die Palmöl in Honduras und anderen Ländern mit dokumentierten Menschenrechtsverletzungen kaufen: Sie dürfen nicht länger die Augen verschliessen. Eine einfache Suche reicht aus, um Berichte über Zwangsräumungen, Morde, Kriminalisierung und Unterdrückung ganzer Gemeinschaften zu finden. Oftmals ist das Öl, das in Massenkonsumgütern landet, mit Blut befleckt. Wenn diese Unternehmen wirklich an Nachhaltigkeit und verantwortungsbewusster Unternehmensethik glauben, müssen sie sich verpflichten, ihre Lieferkette zu überprüfen, Rückverfolgbarkeit zu fordern und sicherzustellen, dass die Menschenrechte in jedem Glied der Kette geachtet werden.


Legende Titelbild: Schild zu Menschenrechtsverletzungen in Honduras. Bild: PWS (erstellt mit ChatGPT)