Artikel von Tabea, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.
Tegucigalpa, Francisco Morazán, Honduras
Am 30. November 2025 gingen 3.9 Millionen Honduranerinnen und Honduraner – rund 60% der Bevölkerung – an die Urne. Neben einem neuen Präsidenten wählten sie auch Abgeordnete und Stadt- bzw. Gemeindepräsidenten im gesamten Land. Es dauerte rund 24 Tage, bis der Nationale Wahlrat (Consejo Nacional Electoral, kurz CNE) den konservativen Nasry ‘Tito’ Asfura des Partido Nacional de Honduras als neuen Präsidenten bekannt gab. Doch die Bandbreite an Vorwürfen von Wahlbetrug sowie der Einmischung der USA stellen die Glaubwürdigkeit der Resultate ernsthaft in Frage und werden in Honduras auch noch lange nach dem Regierungswechsel am 27. Januar 2026 nachhallen.
Die Wahlgeschehnisse
Die politische Geschichte von Honduras der vergangen zwei Dekaden ist von Turbulenzen geprägt. Das Wichtigste in aller Kürze: Als der dem Partido Liberal angehörige Präsident José Manuel ‚Mel‘ Zelaya im Juni 2009 eine Volksbefragung über die Einführung einer ‚vierten Wahlurne‘ bei den Parlamentswahlen im November desselben Jahres um über die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung zur Änderung der Verfassung zu entscheiden, lanciert, wird er durch einen Militärputsch aus dem Amt gehoben und nach Costa Rica exiliert. Nach einer 6-monatigen Übergangsregierung kommt der rechtskonservative Porfirio Lobo des Partido Nacional an die Macht. 2014 wird er durch den Parteikollegen Juan Orlando Hernandez ‚JOH‘ als Präsident abgelöst. Dieser passt während seiner 4-jährigen Amtszeit die Verfassung so an, dass ihm eine zuvor verfassungswidrige zweite Amtszeit ermöglicht wird, welche er auch trotz starker Vorwürfe der Wahlmanipulation antritt. Die Regierungszeit von JOH wird zudem von Honduranern auch als „Narco-Diktatur“ bzw. Honduras als „Narco-Staat“ bezeichnet. 2024 wird der dann Ex-Präsident in den USA zu 45 Jahren Haft wegen Drogen- und Waffenhandels verurteilt.
Aus den Anhängern des exilierten Zelayas ging die 2011 neu gegründete linke sozial-demokratische Partido Libertad y Refundacion, kurz ‚Libre‘, hervor, welche sich mit Zelayas Ehefrau Xiomara Castro als Kandidatin die Präsidentschaft 2022 sicherte. Viele der Kampagnenversprechen kann die zu Beginn als Hofnussträgerin titulierte Castro in ihrer Amtszeit jedoch nicht erfüllen und hinterlässt grosse Enttäuschung und Unmut in der Bevölkerung.[1] Nach diesen jüngsten Geschehnissen waren die Anspannung aber auch die Erwartungen für die Wahlen Ende November 2025 entsprechend gross.
Für weiterführende Informationen zur politischen Geschichte Honduras‘ seit 2009 siehe die Links am Ende des Artikels.
Seitens PWS waren am Wahltag je ein Team im Süden (Zacate Grande, Choluteca) sowie im Norden (Bajo Aguán) des Landes im Einsatz, um Mitglieder der von der Organisation begleiteten Gemeinschaften an die Urnen zu begleiten. Wir nahmen die Urnengänge als unerwartet ruhig war und erlebten neben Berichten von technischen Problemen mit den biometrischen Geräten und Stimmkäufen keine grösseren Vorfälle. Die Komplikationen und die Empörung liessen jedoch nicht lange auf sich warten und in den darauffolgenden Wochen häuften sich die Ungereimtheiten und Wahlbetrugsvorwürfe.
Der CNE hat schliesslich nach mehr als drei Wochen Auszählung am Heiligabend Nasry Asfura zum gewählten Präsidenten erklärt. Der konservative, von Donald Trump empfohlene Kandidat lag mit nur 27.000 Stimmen vor dem Liberalen Salvador Nasralla und liess die Kandidatin der aktuellen Regierung, die Linke Rixi Moncada, mit noch grösserem Abstand hinter sich. Es ist gut möglich, dass die Wahl des Verkündungstages nicht zufällig gewählt war und der Feiertag dazu diente, die Bevölkerung davon abzuhalten auf die Strassen zu gehen.

Die vielen Gesichter des Wahlbetrugs
Eine Analyse von ‚Reporteros de Investigacion‘ zeichnet das Bild einer umfassend organisierten Wahlmanipulation, an der politische Akteure, organisierte Kriminalität, wirtschaftliche Interessengruppen, Sicherheitskräfte sowie internationale Einflussnehmer beteiligt gewesen sein sollen. Ziel dieser Strategie sei es gewesen, den Wählerwillen systematisch zu beeinflussen, das Verhalten am Wahltag zu steuern, frühzeitig ein gewünschtes Ergebnis zu etablieren und spätere Beschwerden zu unterdrücken. Bereits während der Stimmabgabe habe es Einschüchterung, Zwang und Manipulation gegeben, insbesondere gegenüber sozial benachteiligten Wähler*innen, die unter sichtbarem Druck zu den Wahllokalen gebracht worden seien.
SMS mit Drohungen an Personen mit Familienmitgliedern in den USA, Proteste in San Pedro Sula aufgrund der fehlenden versprochenen Bezahlung für ausgeführte Drohkampagnen oder Dokumente von Wahlzentren in denen die abgegebenen Stimmen ein vielfaches der abstimmenden Personen aufzeigen sind nur wenige Beispiele des untersuchten Wahlbetrugs.
Nach der Wahl folgten technische Eingriffe in den Auszählungsprozess, darunter Änderungen an biometrischen Systemen, Sabotage des elektronischen Übermittlungssystems (TREP), Ausfälle, sowie unerklärliche Trendwechsel. Nach einem der vielen Ausfälle des Ergebnissystems des CNE in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember seien die Daten der beiden führenden Kandidaten Nasralla und Asfura schlicht ausgetauscht worden.[2]
Parallel dazu habe eine gezielte Medienkampagne versucht, ein bestimmtes Wahlergebnis als endgültig darzustellen und Kritiker der Vorgänge zu diskreditieren. Die offizielle Ergebnisverkündung sei schliesslich unter fragwürdigen rechtlichen Verfahren erfolgt, ohne dass alle Stimmen vollständig ausgezählt worden sind – dies in einem Verfahren, in dem die absolute Mehrheit für einen Wahlsieg ausreicht, und die ‚Endergebnisse‘ nur 27‘000 Stimmen auseinanderliegen.
Für das Unterzeichnen der Erklärungen der Gewinner der Wahlen auf Präsidenschafts-, Abgeordneten- und Stadt- bzw. Gemeindepräsidentenebene, ohne dass alle Stimmen ausgezählt worden waren, hat der Generalstaatsanwalt Johel Zelaya, Mitglied der Libre Partei, nun auch eine Untersuchung bezüglich des Verbrechens des Landesverrats gegen zwei Ratsmitglieder des CNE eröffnet.[3]
Die Einmischung der USA
Bereits vor dem 30. November hatte sich auch US-Präsident Donald Trump in die Wahlen eingeschaltet. Über sein Netzwerk Truth Social rief er vier Tage vor der Wahl die Bevölkerung dazu auf, für den konservativen Tito Asfura zu stimmen. Eine Botschaft mit erpresserischem Unterton, welche die finanzielle Unterstützung der USA für Honduras vom Sieg seines ‚Schützlings‘ abhängig machte.
Zwei Tage später gab er auf demselben Weg bekannt, dass bei einem Präsidentschaftssieg des Partido Nacional der in den USA inhaftierte Ex-Präsident JOH begnadigt und frei gelassen werden soll. Eine Handlung, welche zuerst an den Sieg Asfuras gekoppelt zu sein schien. Jedoch noch bevor überhaupt ein Bruchteil der Urnen ausgezählt war, und nach nur etwas mehr als einem von 45 Jahren Haft, stand Hernandez in den USA wieder auf freiem Fuss. Die Begnadigung wurde von Trump aufgrund fehlender Beweise gerechtfertigt – dies trotz der erdrückenden Beweislast im Prozess 2024. Für viele Honduraner*innen, welche stark unter der Gewalt des sogenannten Narco-Staats gelitten haben, eine Verachtung und bittere Enttäuschung.
Ein möglicher Grund für die US-Intervention sind Interessen an den Sonderwirtschaftszonen (sogenannte ZEDEs – Zonas de Empleo y Desarrollo Económico) in Honduras. Diese Zonen können über autonome und unabhängige Gerichte mit Rechtssystemen anderer Teile der Welt verfügen, die mit einem eigenen Haushalt und Steuersystem ausgestattet sind. Das bekannteste Beispiel einer solchen ZEDE ist Privatstadt Próspera auf der karibischen Ferieninsel Roatán, ein „Paradies der Tech-Bros“[4], welches von Trump-Loyalisten unterstützt wird. Es war Hernández, der während seiner Amtszeit den US-Krypto-Unternehmern half, ihren Traum einer solchen privaten Enklave zu verwirklichen.
Weitere Gründe könnten die Interessen im Zusammenhang mit der grössten US-Militärbasis in Lateinamerika, welche sich unweit des grössten honduranischen Flughafens Palmerola befindet, oder ein Einverständnis im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik sein. Was genau Trump zu den Äusserungen bewogen hat, kann (noch) nicht abschliessend gesagt werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit war es eine Kombination aller drei.
Die scheidende Regierungspartei Libre, sowie zahlreiche nationale und internationale Institutionen haben die Einmischung der USA klar verurteilt und als Wahlmanipulation und Verletzung der Volkssouveränität und Selbstbestimmung des Landes deklariert. Die Einflussnahme der USA wirkte in Honduras als Druckmittel, vor allem angesichts der Bedeutung der Migration und der Sorge, dass der Regierungswechsel negative Folgen für Familien mit Angehörigen in den USA haben könnte.[5]

Der Regierungswechsel
Am 10. Januar 2026 unterschrieb die Noch-Präsidentin Xiomara Castro ein vom Nationalkongress verabschiedetes Dekret, welches die Neuauszählung der 19‘167 Urnen fordert und die Äusserungen Trumps zugunsten von Asfura als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Honduras’ verurteilt. Damit unterstützt sie den Beschluss des Kongresses, die offizielle Erklärung des CNE nicht anzuerkennen. Die Verabschiedung des Dekrets fand jedoch in einer Sondersession des Kongresses in Abwesenheit der 70 Abgeordneten des Partido Nacional und des Partido Liberal statt. Nicht überraschend erklärt die Opposition das Dekret für ungültig. Zudem wurde am 11. Januar dagegen Rekurs eingelegt, da es darauf abziele, „die Erklärung des Nationalen Wahlrats (CNE) aufzuheben“ und es „die verfassungsmässigen Befugnisse des CNE usurpiere“[6].
In einem Post auf der Plattform X drohte die US-Botschaft in Honduras bei Versuchen, die Wahlen in Honduras illegal zu kippen, mit schwerwiegenden Folgen. Auch das Europäische Parlament hielt in einer Resolution fest, dass es das Dekret zur Anordnung einer Neuauszählung als verfassungswiedrig und als Angriff auf die honduranische Demokratie erachtet und Nasry Asfura als Präsidenten anerkennt. Es gilt festzuhalten, dass die USA sowie die EU mit einer Vielzahl an Wahlbeobachtern vor, während und nach den Wahlen im Land präsent waren, um, unter anderem, die Auszählung der Stimmen, ihre Reflexion im Wahlregister und die Kontrolle der Stimmen zu analysieren.[7]
Am 27. Januar 2026 übergab Xiomara Castro den Präsidentschaftsposten an Nasry ‘Tito’ Asfura, jedoch ohne diesen offiziell anzuerkennen.[8] In vielen Teilen der Bevölkerung herrscht grosse Besorgnis über die rechts-Verschiebung der Regierung. Die Angst ist gross, dass die Zustände zu denjenigen der Präsidentschaft des Partido Nacional von 2010-2022, welche auf den Staatsputsch von 2009 folgte, zurückkehren, und damit auch mehr Gewalt, Repression und Straflosigkeit. Laut dem honduranischen Zentrum für Demokratieforschung CESPAD würde dies einen gefährlichen Rückschritt für die Rechte und das Wohlergehen der honduranischen Bevölkerung bedeuten und die kleinen, aber bedeutsamen Fortschritte im Bereich der Menschenrechte zunichte machen[9]. Dies würde bedauerlicherweise auch insbesondere die von PWS begleiteten Gemeinschaften und Menschenrechts- sowie Umweltverteidiger*innen stark betreffen, welche durch ihre Tätigkeiten einem noch höheren als dem bereits bestehenden Risiko ausgesetzt wären.
Auch wenn oder gerade weil die demokratischen Prozesse in Honduras stark unter den Betrügen und externen Einflüssen dieser Wahlen gelitten haben, ist es enorm wichtig, sich an die vielen territorialen, bäuerlichen, feministischen und indigenen Organisationen und sozialen Bewegungen zu erinnern, die sich seit jeher und weiterhin unermüdlich und mit extrem viel Mut für die demokratischen Rechte, soziale Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in ihrem Land einsetzen.
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Weiterführende Informationen zur politischen Geschichte Honduras‘ seit 2009:
- Informe-PV-Honduras-1.pdf
- Honduras: Del Golpe de Estado 2009 a la Crisis Continuada – Fundación Carolina
- El narco-Estado de Honduras se renueva después de su paso por la justicia estadounidense – Contra Corriente
- El caso por narcotráfico de expresidente de Honduras que Trump indultó
- HondurasNarcoEstado_I-PUB.pdf
- Crisis democrática de derechos humanos y del sistema judicial. Un análisis de la evolución de la opinión pública – ERIC – SJ
- Honduras: the left tests its limits in power, by Maurice Lemoine (Le Monde diplomatique – English edition, November 2025)
- ¿Qué ha pasado con las ZEDE en Honduras y cuál es su estatus? – Cespad
Titelbild: Wählerinnen und Wähler warten auf ihre Stimmabgabe in Zacate Grande. Foto: PWS
[1] « La izquierda reivindica su gestión en Honduras » – Le Monde diplomatique en español
[2] Honduras: Nasralla acusa cambio de datos en conteo de votos
[3] ¿Cometieron delito de traición a la patria los consejeros del CNE? – Criterio.hn
[4] Paradies der Tech-Bros, NZZ am Sonntag, 14. Dezember 2025
[5] Injerencia de EE UU, factor ausente en evaluación de elecciones – Criterio.hn
[6] Piden la inconstitucionalidad del decreto 58-2026 que manda un nuevo escrutinio
[7] About the EOM Honduras 2025 | EEAS
[8] Nasry Asfura asumirá la Presidencia de Honduras sin el reconocimiento de Xiomara Castro – SWI swissinfo.ch
[9] Honduras bajo asedio: anatomía de una intervención electoral y el camino hacia la resistencia democrática – Cespad