Was machst du da genau als Menschenrechtsbegleiterin in Honduras?

Artikel von Anselma, internationale Menschenrechtsbegleiterin für Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Francisco Morazan, Honduras

Seit sechs Wochen lebe ich in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras und arbeite als freiwillige Menschenrechtsbegleiterin für Peace Watch Switzerland (PWS). Erste Einsätze führten mich bereits quer durch das Land, in den Norden und an die Küste im Süden. “Aber, was machst du denn da genau als Menschenrechtsbegleiterin?” wurde ich von meiner Familie und Freunden vor meiner Abreise häufig gefragt.

Meine Antwort war meistens: Wir begleiten Menschenrechtsverteidiger*innen und Organisationen bei Gerichtsverfahren oder bei Besuchen bei der Polizei und Behörden, beobachten und schreiben Berichte dazu.Anhand meiner ersten Begleitungen, wie wir die Einsätze nennen, kann ich das nun mit konkreten Beispielen noch etwas besser erklären und aufzeigen, wie vielseitig unser Einsatzgebiet ist.

Begleitung einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Tegucigalpa

Bei meinem ersten Einsatz begleiteten wir eine Organisation des indigenen Volkes der Lenca (Consejo Indígena Lenca de Reitoca CILR) bei einem Behördengang in Tegucigalpa. Die Organisation wehrt sich gegen ein grosses Wasserkraftprojekt, das die Wasserversorgung der Gemeinde einschränkt und Umweltschäden verursacht.[1] Die Menschen in der Region haben sich als Organisation zusammengeschlossen, um Widerstand gegen dieses Projekt zu leisten und das Unternehmen von der Umsetzung abzubringen. Für diesen Widerstand wurden die Führungspersonen der Organisation bereits mehrfach bedroht, eingeschüchtert und mit falschen Anklagen kriminalisiert, damit sie den Widerstand aufgeben. Aktuell läuft gegen die Organisation eine Hetzkampagne mit Falschinformationen auf Facebook. Gegen diese Kampagne erstattete der CILR bei der Staatsanwaltschaft in Tegucigalpa Anzeige. PWS wurde angefragt, die Organisation dabei zu begleiten, um sicherzustellen, dass die Staatsanwaltschaft und die Richter im Einklang mit dem Gesetz handeln, die Angelegenheit ernst nehmen und den Fall untersuchen.

Begleitung des CILR bei einer Sitzung mit der Staatsanwaltschaft in Tegucigalpa am 07.03.2024. PWS

Leider werden in Honduras Fälle im Bereich der Menschenrechte oder Konflikte um Land oftmals nicht gewissenhaft untersucht und die Straflosigkeit ist sehr hoch. Bei Begleitungen sind wir als neutrale, unabhängige und unparteiische Instanz dabei, hören zu und beobachten. Unsere blosse Anwesenheit als internationale Organisation unterstreicht die Relevanz und demonstriert den honduranischen Behörden, dass der Fall international beachtet wird. Dies soll dazu beitragen, dass Verfahren und Prozesse gerecht ablaufen.

Beobachtung einer Krisensitzung an der Karibikküste von Honduras

Die Begleitungen können kurz sein und nur einige wenige Stunden oder auch mehrere Tage dauern, wenn wir in weiter entfernte Gebiete reisen und eine längere Präsenz für die begleiteten Personen hilfreich ist. Mein erster mehrtägiger Einsatz führte mich in den Norden von Honduras, nach Vallecito an die Karibikküste[2]. Mit einem geländegängigen Pickup fuhren wir von Tegucigalpa ca. 8 Stunden auf kurvenreichen Strassen quer durch das hügelige Land. Unser Ziel war eine Gemeinschaft von Garífunas, ein indigenes Volk afrikanischer Abstammung und Nachkommen von karibischen Ureinwohnern. Sie leben seit mehreren hundert Jahren an der Nordküste von Honduras. Ihr Land und ihre Lebensweise werden aber immer wieder bedroht. In Vallecito ist das Verhältnis mit den nicht-indigenen Menschen aus dem Nachbardorf angespannt. Um die Situation mit den Nachbarn friedlich zu regeln, haben die Garifuna zu einer Krisensitzung eingeladen, welche wir begleiteten und beobachteten.

Beobachtung einer Krisensitzung in Vallecito im Norden von Honduras am 13.03.2024. PWS

Daneben waren auch andere nationale und internationale Organisationen sowie die Polizei, das Militär und staatliche Vertretende des Sekretariats für Menschenrechte vor Ort, um zu beobachten und die Sicherheit der Garifuna Gemeinschaft zu gewährleisten. PWS ist im Land bekannt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Organisationen sehr gut vernetzt. So ist PWS nicht ein einzelner Akteur, sondern Teil eines breiten Netzwerks von Organisationen, das sich stetig austauscht und unterstützt.

Landvermessung auf der Halbinsel Zacate Grande im Süden

Nach dem Einsatz im Norden ging es bei meiner dritten Begleitung für vier Tage auf die Halbinsel Zacate Grande im Süden. Ursprünglich war das eine richtige Insel, bis die damalige Regierung in den 1960er Jahren das Meer zugeschüttet und eine Strasse vom Festland auf die Insel gebaut hat. Auf der Halbinsel gibt es nun einen Landkonflikt zwischen ein paar wenigen, reichen Familien und der lokalen Bevölkerung – einfache Bauern und Fischer, die seit Generationen auf der Insel leben, häufig aber keine offiziellen Landtitel besitzen. In den letzten 30 Jahren haben die vermögenden Familien Zacate Grande als Wochenend- und Feriendestination für sich entdeckt und begonnen, grosse, luxuriöse Villen zu bauen, Land für sich einzunehmen und die Strände zu privatisieren (z.B. in dem sie private Sicherheitskräfte aufstellen, die den Fischern den Zutritt verwehren). Dadurch wurde die lokale Bevölkerung oftmals vertrieben.

Vermessung auf der Halbinsel Zacate Grande mit der Organisation ADEPZA am 20.03.2024. PWS

Wir haben die Organisation ADEPZA[3] (Vereinigung für die Entwicklung der Halbinsel Zacate Grande) begleitet, die sich gegen die Privatisierung wehrt und sich dafür einsetzt, dass die einfachen Leute offizielle Eigentumszertifikate erhalten und so garantiert dort weiterleben können. Für mich kaum fassbar, die Gemeinden und deren Grenzen sind bis jetzt nicht wirklich vermessen oder beim Staat erfasst worden. Auch Infrastruktur, wie Schulen oder Kirchen, sind beim Staat nicht registriert. Um die Landtitel vergeben zu können, mussten nun in einem ersten Schritt die Grenzen genau erfasst und definiert werden. Die Beziehungen mit einem Teil der Bevölkerung auf der Halbinsel sind angespannt, denn sie möchten nicht, dass das Land korrekt vermessen und verteilt wird. Es wird vermutet, dass diese Personen von den reichen Familien, bei denen sie häufig angestellt sind, angestachelt werden. Um sicherzustellen, dass die Messungen durchgeführt werden können, waren wir bei dem Prozess per Boot und auf dem Landweg dabei.

Der Effekt von PWS

Bei Begleitungen sind wir immer zu zweit und tragen grüne Westen mit dem PWS Logo als Erkennungsmerkmal. Der Einfluss von PWS wirkt insbesondere auf offizielle Einrichtungen wie die Regierung oder auf grosse Unternehmen, die ihren Ruf wahren müssen und unter einem gewissen Druck der Zivilgesellschaft und der Medien stehen. Bei kriminellen Organisationen funktioniert dieser internationale Druck natürlich nicht mehr, aus solchen Fällen halten wir uns raus.   

Wie meine ersten drei Einsätze zeigen, sind die Einsatzgebiete und Fälle, die wir begleiten, sehr vielseitig und unterschiedlich. Zu allen Einsätzen gehört es aber dazu, dass wir beobachten, mit den Menschen sprechen und insbesondere zuhören. Anschliessend schreiben wir einen internen Bericht, informieren gegebenenfalls weitere Organisationen oder Behörden und stehen mit den begleiteten Personen oder Organisationen auch nach einer Begleitung in regelmässigem Kontakt. Die Fälle dauern meistens mehrere Jahre und sind nach einer Begleitung nicht abgeschlossen, so entstehen langjährige Beziehungen und ein enges Vertrauen zwischen PWS und den begleiteten Personen oder Organisationen.

Für uns Schweizer:innen kann es schwer vorstellbar sein, dass Menschen, die sich für Rechte, soziale Anliegen, die gerechte Verteilung von Land oder den Zugang zu Wasser einsetzen, gefährdet und bedroht werden. In Honduras ist dies leider an der Tagesordnung. Durch die internationale Beobachtung und Begleitung leisten wir einen kleinen Beitrag dazu, dass das Engagement von lokalen Organisationen auch international beachtet wird und dass sich Menschenrechtsaktivist:innen für ihre Rechte einsetzen können. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die weiteren Einsätze mit PWS und bin sicher, dass ich am Ende meines Einsatzes noch viele weitere Beispiele unserer Arbeit nennen kann. 


[1] Weitere Infos zum CILR: https://peacewatch.blog/2021/01/29/honduras-3-jahre-widerstand-gegen-das-wasserkraftprojekt-in-reitoca-die-gemeinde-denkt-nicht-ans-aufgeben/#more-4231

[2] Spannender Radiobericht mit weiteren Infos: https://www.swr.de/swrkultur/leben-und-gesellschaft/vallecito-ein-dorf-voller-hoffnung-fuer-frauen-der-garifuna-in-honduras-swr2-leben-2023-01-16-100.html.

[3] Span.: Asociación para el Desarrollo de la Península de Zacate Grande. Weitere Infos zu ADEPZA: https://peacewatch.blog/2022/12/27/der-widerstand-der-organisatin-adepza-im-sudlichen-honduras/