Wie ich die Justiz in Honduras erlebe

Suyana Siles, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Bei meinen Einsätzen als Menschenrechtsbegleiterin lernte ich: Die Korruption bringt das Justizsystem in Honduras gewaltig aus dem Gleichgewicht. Die Macht der einflussreichen Familien, Firmenbesitzer, Narcos und Politiker wirkt sich auf das ordentliche Justizverfahren aus und bringt dessen Ablauf durcheinander. Die erschreckende Erkenntnis war, dass Abweichungen jeglicher Art jederzeit möglich sind und nichts unmöglich ist.

Im Austausch mit Menschenrechtsaktivist*innen wurde ich immer wieder mit Ungereimtheiten in der Justiz konfrontiert. Gewisse Geschichten waren derart absurd, dass ich während der Gespräche teilweise dachte, meine Spanischkenntnisse seien mangelhaft und ich verstünde die Erzählungen der Menschenrechtsaktivist*innen falsch. Dann erkannte ich, dass ich durchaus alles richtig verstanden hatte, das Ausmass der Korruption jedoch meine Vorstellungskraft sprengte. Die Korruption in der Justiz zeigt sich in vielen Formen, und ich kann hier nur ein paar wenige Beispiele wiedergeben:

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Fünf Gründe, weshalb mich meine Freiwilligenarbeit bei PWS als Honduranerin prägten

Mónica Gálvez, honduranische Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Als ich meine Freiwilligenarbeit bei PWS begann, schrieb ich einen Artikel darüber, wie ich einen Teil meines Landes entdeckte, von dem ich zwar wusste, dass er existiert, der aber weit weg von meiner Alltags-Bubble war. Heute, nach acht Monaten, in denen ich Gemeinden besucht, mit Aktivist*innen gesprochen, an Gerichtsverfahren mit wenig effizienten Ergebnissen teilgenommen und so viele Geschichten von Kämpfen gehört habe, betrachte ich noch die Wiederentdeckung meines eigenen Landes erneut.

In diesem Artikel fasse ich einige der Gründe zusammen, warum ich mehr als je zuvor über das Honduras gelernt habe, in dem ich lebe, und wie die Arbeit als Menschenrechtsbegleiterin bei PWS mir eine neue Vision davon vermittelt, was es bedeutet, Honduraner zu sein.

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Land und Nahrung: Grundrechte in Honduras

Artikel von Elvia Miralda, honduranische Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Der Kampf um unsere Rechte, Land und Nahrungsmittel

In Honduras kämpfen täglich Tausende von Bauern und Bäuerinnen für die Produktion der Lebensmittel, die auf unseren Tischen landen. Sie stellen sich den Herausforderungen und kämpfen für die Nahrungsmittelsicherheit und -souveränität. Hinter diesen Bemühungen stehen Geschichten von Widerstand und der ständigen Suche nach Gerechtigkeit gegen die Machteinflüsse, die extraktive Unternehmen (Bergbau, Fischerei und Holzabbau) und Monokulturen in der industriellen Landwirtschaft (Zuckerrohr, Bananen und Palmöl) auf unser Leben, unsere Gebiete und unsere Lebensmittel ausüben.

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Als Menschenrechtsbegleiterin in Honduras

Artikel von Jennifer Anspach, internationale Menschenrechtsbegleiterin für Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Das Ende rückt bereits mit grossen Schritten näher. Nach fünf Monaten Freiwilligenarbeit bin ich immer noch nicht in der Lage, Ihnen das magische Rezept für einen guten Menschenrechtsbegleiter oder eine gute Menschenrechtsbegleiterin zu geben. Mit diesem Artikel möchte ich jedoch zum Ausdruck bringen, was diese Arbeit für mich bedeutet, und Ihnen ein wenig von meiner Realität hier in Honduras erzählen.

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Bäuerinnen/Bauern und Indigene vereint im Kampf für ihre Rechte

Suyana Siles, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Angesichts der steigenden Zahl gewaltsamer Vertreibungen von Bäuerinnen/Bauern und Indigenen in den letzten Monaten haben sich zehn Zivilorganisationen in Honduras diesen Juli vereint und den Bloque Popular Campesino e Indígena gegründet.

Als es in Honduras im Januar 2022 einen Regierungswechsel gab, waren die Hoffnungen gross, dass den Menschenrechten der Bevölkerung endlich Beachtung geschenkt würde. Auch die Bäuerinnen/Bauern und Indigenen hofften auf eine wesentliche Verbesserung ihrer Situation, denn ihre Lage ist prekär. 63 % der Bevölkerung im ländlichen Sektor lebt in Armut, davon 50 % in extremer Armut. Die Menschenrechte dieser Bevölkerungsgruppe sind gleich mehrfach bedroht. Bäuerinnen/Bauern und Indigene verfügen häufig nicht über die rechtlichen Dokumente des ihnen gehörenden Landes, sie sind Opfer von gewaltsamen Landvertreibungen und ungerechtfertigten Strafverfahren, ausserdem sind sie Einschüchterungen und Gewalt durch Grossindustrielle ausgesetzt. Doch trotz dieser Bedrohungen kämpfen Bäuerinnen/Bauern und Indigene für ihre Rechte. In Honduras gibt es eine Vielzahl von lokalen und nationalen Zivilgesellachaftsorganisationen, die sich für den Zugang zu Agrarland, den Erhalt des Ökosystems und eine korrekte Strafjustiz einsetzen.

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Reflexionen nach einem Jahr Menschenrechtsbegleitung in Honduras

Artikel von Nicolas Schärmeli, internationaler Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Anlässlich meiner ersten Kontaktgespräche mit PWS in der Schweiz wurde ich gefragt, weshalb ich ein Jahr als internationaler Menschenrechtsbegleiter tätig sein möchte und was meine Erwartungen seien.

Viele direkte Erwartungen hätte ich nicht, antwortete ich damals; ich wolle vor allem Lernen und Erfahrungen sammeln. Mein Interesse gehöre dem kulturellen Austausch und der Solidarität mit Menschen in schwierigen Situationen. Schlussendlich war mir nicht viel bekannt über Honduras – ein Land, über welches in den Medien wenig berichtet wird, zumindest nicht in der Schweiz.

Nach einem Jahr kann ich sagen, ich bin froh mit dieser Einstellung das Projekt begonnen zu haben. So konnte ich sehr viel mitnehmen. Ich möchte nun davon erzählen, was ich in einem Jahr in Honduras gelernt habe.

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Psychische Gesundheit in Honduras: Krümel und Privilegien

Artikel von Mónica Galvez, honduranische Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Ich war noch sehr jung, als ich das erste Mal psychologische Unterstützung erhielt. Mein Alter weiß nicht mehr genau, aber es war in der frühen Schulzeit. Meine Mutter brachte mich an den Wochenenden in einen kleinen Raum, wo wir darauf warteten, abgeholt zu werden. Die Person, die uns abholte, stellte mir Fragen über mich und gab mir Farbstifte, damit ich malen sollte, was mir erzählt wurde. Das war meine erste psychische Behandlung.

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Kriminalisiert werden wegen Verteidigung eines Flusses: Was bedeutet es, kriminalisiert zu werden, und welches sind die Folgen und Auswirkungen?

Artikel von Nicolas Schärmeli, internationaler Menschenrechtsbegleiter von PWS in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Ich werde nie vergessen, wie bei einer meiner ersten Begleitungen in einer der Gemeinden, die regelmässig von PWS besucht werden, zusammen mit meiner Kollegin mit Antonio ins Gespräch kam. Antonio ist ein Menschenrechts- und Umweltverteidiger, der sich in seiner Gemeinde für die Erhaltung des Flusses als Lebensader für die ganze Gemeinde einsetzt. Wir blieben den ganzen Nachmittag im Haus von Antonios Familie und redeten viel. An einem Punkt des Gesprächs begann er, uns von seinem Kampf und seiner persönlichen Geschichte zu erzählen. Nach einer Zeit öffnete sich auch seine Frau uns gegenüber und sprach von ihrer Rolle und wie sie sich in diesen schwierigen Zeiten fühlte.

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Persönliche Überlegungen zum Konflikt in Zacate Grande

Artikel von Jennifer Anspach, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Die Zeit vergeht wie im Flug, und ich habe bereits die Hälfte meines sechsmonatigen Freiwilligendienstes hinter mir. In diesen ersten drei Monaten konnte ich mich mit der Arbeit als internationale Beobachterin und der physischen Begleitung vertraut machen. Dies vor allem in Zacate Grande, einer Region im Süden des Landes.  Während mehrere Begleitungen der Organisation Asociación por el Desarrollo de la Península de Zacate Grande (ADEPZA) habe ich die honduranischen Konflikte und deren Herausforderungen kennen gelernt.

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Menschenrechte und die LGBTQI+ -Bevölkerung in Honduras.

Artikel von Pedro Antonio Acosta Martínez, nationaler Freiwilliger bei Peace Watch Switzerland (PWS)

Tegucigalpa, Honduras

Anfang März dieses Jahres hielt Roberto Contreras, Bürgermeister von San Pedro Sula und einer der wichtigsten Geschäftsleute der Stadt, öffentlich eine Hassrede gegen die LGBTIQ+ Community. Der Bürgermeister sagte: “Ich würde lieber hunderttausendmal die Garifuna-Flagge tragen als eine Flagge der sexuellen Vielfalt. Ich fühle mich wohl unter meinen schönen schwarzen “Power-Chicken” Leuten”, womit er seine rassistische Einstellung zeigte und einen Kampf, Anstrengungen vieler Jahre sowie die LGBTQI+ Flagge verunglimpfte. Damit löste er eine Welle der Diskriminierung aus, die zusätzlich dazu beitrug, einen ohnehin bereits bedrängten und mit Schwierigkeiten kämpfenden Teil der Bevölkerung weiter an den Rand zu drängen.

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