Letzte Arbeitstage in Kolumbien

Es kam ganz anders, als geplant. Letzte Woche noch hatten Maritza Gutiérrez, unsere Koordinatorin in Barrancabermeja, Felicitas und ich, Ideen entwickelt, wie wir die Schließung von Peace Watch Kolumbien mit den Kleinbauernorganisationen gestalten wollten. Mit einer schlichten Feier wollten wir vor Ort einen Schlusspunkt setzen und die Internationale Begleitung offiziell beenden.

Wir Freiwilligen haben einen Sonderstatus genossen, ohne dass wir uns diesen persönlich erarbeitet hätten. Dieser ist über die Jahre durch die Präsenz der MenschenrechtsbegleiterInnen mit der grünen Weste gewachsen. Jederzeit und überall nahm man sich Zeit für einen Schwatz und einen “tinto“. Man ließ uns unvoreingenommen am eigenen Leben teilhaben. Die Gastfreundschaft und die Dankbarkeit gehen ans Herz. Bei der Verabschiedung wollten wir uns bedanken: als Neue war es besonders beeindruckend, dass wir den Faden einfach wieder dort aufnehmen konnten, wo er von unseren Vorgängerinnen liegen gelassen worden war.

Am Freitag, den 13 (!) hatten wir uns in El Garzal mit Pastor Salvador über die Abschlussfeier unterhalten und sogleich die Daten für Ende April festgelegt. Er schlug vor, dass er uns nach El Guayabo begleiten würde, da er uns den Guayaber@s vor Jahren vorgestellt hatte.
Nächste Woche wollten wir in Buenos Aires und Las Pavas einen Termin festlegen. Der Ort war für uns von vorne herein klar: im symbolträchtigen Campamento in Las Pavas wollten wir uns versammeln.

Pläne haben eine sehr kurze Halbwertszeit in Zeiten des Coronavirus. Für die Woche 12 war unsere Agenda bereits voll. Erste einschränkende Maßnahmen wurden im fernen Bogota von der umtriebigen Bürgermeisterin verordnet. Das Thema Nr. 1, Wetter und Hitze, wurde langsam durch den Coronavirus verdrängt. Seit Dienstag begannen sich die Ereignisse zu überstürzen: lokale und regionale Behörden begannen im Stundentakt rigorose Maßnahmen zu verordnen. Die Mobilität im Lande wurde eingeschränkt. Nach etlichem Zögern reagierte auch der Präsident, und das Land begann sich stufenweise gegen außen abzuschotten. Kolumbien hatte- bei geringen Fallzahlen–umgehend auf Krisenmodus geschaltet. Bis Mittag war klar, dass wir bis mindestens Ende März arbeitslos sein würden. Es begannen Mechanismen zu spielen, die keinen Raum für individuelle Wünsche und Pläne liessen. Am Donnerstag, 19.3.2020 kam die PWS Begleitung Kolumbien zu einem abrupten Ende. Ein Abschluss, wie wir ihn unbedingt hatten vermeiden wollen. Felicitas und ich reisten mit dem letzten Nachtbus von Barrancabermeja  nach Bogota.

Die verhängte Ausgangssperre wurde in der Hauptstadt rigoros umgesetzt, es war gespenstisch still in der Hauptstadt. Im Gegensatz zu uns, wir waren fleißig. Im Hotelzimmer versuchten wir all‘ jene Menschen zu erreichen, von denen wir uns nicht hatten persönlich verabschieden können. Es waren herzzerreisende, rührende Gespräche. Wir nahmen ein Video auf, sprachen ein paar Worte, sangen zwei Schweizerlieder als Zugabe dazu und verschickten es. Wenigstens ein Teil der geplanten Abschiedsfeiern soll, wenn auch in anderer Form und mit verkürzte Probezeit, umgesetzt werden. Maritza wird, sobald sie die Gemeinden wieder aufsuchen kann, ein Plakat mit den Fotos und Grüssen von ehemaligen Freiwilligen überreichen.

«Begleitung» hat in Kolumbien einen hohen Stellenwert und eine vielfältige Bedeutung.  Man lässt wann immer möglich niemanden allein. Menschen werden in allen möglichen Lebenssituationen und überall hin begleitet. Die Begleitung, die Teilnahme ist ein Ausdruck von zutiefst empfundener und geschätzter Solidarität.  Die letzten Stunden in Barrancabermeja wurden die Rollen getauscht.  Maritza Gutiérrez und Gloria Amparo (Organización Feminina Popular (OFP)) fanden sich bei uns ein, begleiteten uns und brachten uns zum Busbahnhof.

Romana Hüsler, 24sten März 2020, Bern

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Fotos: © Romana Hüsler 2020

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