Offener Brief an alle Menschenrechtsverteidigerinnen

Artikel von Monica Galvez, honduranische Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Liebe Menschenrechtsverteidigerin

Ich schreibe Dir als eine Person, die täglich Privilegien genießt. Privilegien, von denen die meisten genau etwas mit Deinem ständigen Kampf für meine Rechte zu tun haben. Als Honduranerin, mit einer Universitätsausbildung und einem Unterstützungsnetz, denke ich oft darüber nach, wie ich meine Chancen erhalten habe. Mir ist klar, dass es sich dabei um Grundrechte handelt, aber im Kontext meines Landes sind es tatsächlich Privilegien.

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Der Prozess

Artikel von Valeria Küttel, Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Drei Jahre nach seiner Verhaftung sitzt Yoset im Strafgericht von Choluteca auf der Anklagebank. Neben ihm seine Anwältin vom Komitee der Angehörigen der Verhafteten und Verschwundenen in Honduras (COFADEH), die in diesem Prozess als Verteidigung auftritt. Wie es Yoset in den vergangenen drei Jahren ergangen ist, kann in diesem Artikel nachgelesen werden. Nachdem an einer Vorverhandlung im Herbst 2022 die Beweise der Anklage und Verteidigung zugelassen wurden, folgt nun die öffentliche Hauptverhandlung.

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Legalisierung der Pille danach: ein wichtiger Meilenstein für die Rechte der honduranischen Frauen

Artikel von Jennifer Anspach, internationale Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Anfang März. Gerade in Honduras angekommen, in Gedanken noch in der Schweiz, erhalte ich viele Informationen über den politischen Kontext des Landes. Im Laufe des Gesprächs kommen wir auf das Thema Pille danach und Abtreibung zu sprechen. Beides ist in Honduras verboten und kriminalisiert. Es gibt hier keine Ausnahmen für eine Abtreibung, weder im Falle einer Vergewaltung, noch wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist oder wenn der Fötus Missbildungen aufweist, die mit dem Leben unvereinbar sind. Diese Information trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht, und mir wird schnell meine privilegierte Stellung als Schweizerin bewusst. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung ein internationaler Menschenrechtsstandard, und obwohl die Pille danach eine Schwangerschaft verhindern kann, ist es keine Abtreibung. Hier werden also Rechte verletzt, die in meinem Land als grundlegend gelten. Frauen wird das Recht verweigert, über ihren eigenen Körper zu entscheiden.

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Honduras hat das Gesicht einer Frau

Artikel von Mireia Izquierdo, Koordinatorin der Internationalen Menschenrechtsbegleitung von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Im vergangenen Jahr gab es in der Geschichte von Honduras eine Wende: Die Wahl der ersten Präsidentin. Xiomara Castro Sarmiento war ein Lichtblick für den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen. In ihrer Antrittsrede versprach die Präsidentin, sich um sie zu kümmern. Seither hat es zwar kleine Fortschritte gegeben, aber es steht noch ein langer Weg bevor.

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Karawanen von Migrantinnen und Migranten in Honduras

Artikel von: Pedro Antonio Acosta Martínez, nationaler Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras. Übersetzung: PWS-Team Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Migrant*innnekarawanen sind ein neueres Phänomen in Honduras. Es ist eine neue Form, sich fortzubewegen, bei der sich Grosse Gruppen von Migrant*innen mit jeweils eigenen Zielen finden sich, um gemeinsam nach Nordamerika zu ziehen, sei es nach Mexiko, in die USA oder nach Kanada.

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Reflektionen nach einem halben Jahr als PWS-Einsatzleistender

Artikel von Nicolas Schärmeli, Menschenrechtsbegleiter von PWS in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Von etwas zu hören oder es wirklich zu erleben, ist nicht dasselbe. Ich denke, dies ist eine der tiefgründigsten Erfahrungen, die mir hier in Honduras widerfahren sind und einer der Gründe, warum ein Volontariat bei Peace Watch Switzerland (PWS) und die getätigte Arbeit mir viele Gedankengänge und Reflektionen eröffneten.

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Die Erlebnisse einer Fremden, die ihr eigenes Zuhause kennen lernt

Artikel von Mónica Gálvez, honduranische Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras. Aus dem Spanischen übersetzt vom PWS-Team Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Fern des eigenen Zuhauses und zur gleichen Zeit darin zu leben – das ist möglich. Ich habe mich verschiedene Male selbst neu erfunden, die Geschichten, die man mir an der Universität beigebrachte, in Frage gestellt, indem ich auf das hörte, was die Straße erzählte, habe mich in den Feminismus vertieft, um zu sehen, was unsichtbar war, und habe Bücher gelesen, die davon erzählen, was die Schatten des Kolonialismus meinem Land auferlegten.

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Unschuldig im Gefängnis

Artikel von Valeria Küttel, Menschenrechtsbegleiterin von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras

Tegucigalpa, Honduras

Choluteca, 4.12.2022. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, 25 Jahre alt mit Baseballcap und Hawaiihemd. Er ist froh, kann er heute hier sein, denn bis vor kurzem sass er noch im Gefängnis, angeklagt eines Verbrechens, welches er nicht begangen hat. Im Ungewissen darüber, wie es weiter geht. Schliesslich vergingen zwei Jahre und zwei Monate bis er aus der U-Haft entlassen wird und der ordentliche Prozess beginnt. Ich möchte hier seine Geschichte erzählen.

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Danke

Artikel von Julien Christe, internationaler Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras.

Tegucigalpa, Honduras

Nun, da sich meine Arbeit mit Peace Watch Switzerland in Honduras dem Ende zuneigt und das Programm bald sein 5-jähriges Bestehen feiert, dachte ich, es wäre interessant, eine Bilanz des Erreichten zu ziehen. In diesen fünf Jahren konnten wir unsere Organisation stärken und haben Hunderte von Begleitungen durchgeführt. In dieser Zeit haben wir viele juristische Prozesse, Demonstrationen, Veranstaltungen und Räumungen begleitet. Manchmal war es sowohl physisch als auch psychisch schwierig. Es ist hart  mitzuerleben, wie Menschen ihr Zuhause verlieren, zu Unrecht angeklagt werden und Gefahr laufen, für Verbrechen, die sie nicht begangen haben, jahrelang im Gefängnis zu sitzen; wie sie bei Protesten mit Tränengas oder Schüssen niedergeschlagen werden, weil sie einfach nur ihre Rechte wahrnehmen; wenn sie wegen der Drohungen, denen sie ausgesetzt sind, in ständiger Alarmbereitschaft leben müssen. Das alles erzeugt in uns ein Gefühl der Ohnmacht und Wut.

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Der Widerstand der Organisation ADEPZA im südlichen Honduras

Artikel von Christophe Egger, internationaler Menschenrechtsbegleiter von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras. Übersetzung: PWS-Team Hondruas.

Tegucigalpa, Honduras

Zacate Grande liegt im Süden von Honduras, ist eine etwa 7 km lange und 10 km breite Halbinsel am Golf von Fonseca und wird von sieben kleineren Inseln umgeben. Die bekannteste davon ist die Isla del Tigre. Wegen seiner schönen Strände und des guten Klimas ist es ein sehr beliebtes Urlaubsziel in Honduras – auch in den Augen der mächtigsten Familien in Honduras. Der größte Konflikt in Zacate Grande ist der Landbesitz. Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den Dorfbewohner*innen und den Landbesitzenden. Aus diesem Grund wurde vor rund 20 Jahren die Vereinigung “Dirección General de Recuperación y Titulación de Tierras y Liberación de Playas” gegründet, die 2008 in ADEPZA, die Asociación para el Desarrollo de la Península de Zacate Grande (Vereinigung für die Entwicklung der Halbinsel Zacate Grande) umbenannt wurde.

Laut Pedro Canales, einem der Gründer von ADEPZA, begann alles mit der Kriminalisierung von mehreren Führungspersonen in Zacate Grande. Die Krimilisierung ist der Modus Operandi der einflussreichen Personen im Lande, die von den lokalen und nationalen Behörden unterstützt werden. Bei einer Tour mit ADEPZA konnten wir mehrere Orte besuchen, die vom Konflikt in der Region betroffen sind. In der Gemeinde Playa Blanca z.B. wird die Wasserversorgung der Gemeinde nicht mehr besorgt, sondern sie wurde an einen Grossgrundbesitzer übergeben, der auch die örtliche Schule und die Lehrpersonen bezahlt. So wird Macht demonstriert und werden Abhängigkeiten geschaffen. Gleichzeitig privatisierte dieselbe Familie einige Kilometer entfernt eine ganze Insel und ihren wunderschönen Strand, der noch vor wenigen Jahren ein öffentlicher Strand war und von der ansässigen Bevölkerung genutzt wurde.

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