Der Kampf ums Land

HONDURAS. Wirklich hoch gehen sie nicht. Doch jedes Mal wenn der spitze, steil aufragende Bug des langen schmalen Bootes frontal in eine der hüfthohen Wellen sticht, peitscht die Gischt auf und verteilt sich als feiner salziger Sprühregen über die gut dreissig Passagiere. Die einen schreien dann laut auf aus Freude und Aufregung über die kühlende Dusche – etwa so wie beim Nervenkitzel auf der Achterbahn im Vergnügungspark. Bei jenen die nicht schwimmen können und sich beim Einsteigen als erste die Schwimmwesten übergezogen haben, scheint mir im Aufschrei auch eine leise Beklemmung mitzuschwingen.

Wir fahren entlang der Küste der Halbinsel Zacate Grande am Golf von Fonseca im Süden von Honduras. Pedro Canales, der in der Region aufgewachsen und einer der führenden Köpfe im Kampf um das Land ist, kennt jeden Winkel der Halbinsel. Er ist uns ein kundiger Führer. Erläutert, welche Politikerinnen oder Wirtschaftskapitäne in den grossen Anwesen mit direktem Meeranstoss residieren. Welche der vielen kleinen Strände vor zwanzig Jahren noch öffentlich zugänglich waren und nun von bewaffneten Schergen abgeschirmt werden. «Heute gibt es auf der Halbinsel noch vier oder fünf Dörfer, die von der Fischerei leben. Zu Zeiten meiner Kindheit waren es doppelt so viele» fügt Pedro an.

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Bootsfahrt im Golf von Fonseca zu den jährlichen ADEPZA-Feierlichkeiten. (c) Ueli Locher (PWS) 2019

Auf Zacate Grande dreht sich fast alles um den Besitz des Landes. In den achtziger Jahren begann Miguel Facussé im grossen Stil Land zu kaufen. Er ist heute der grösste Landbesitzer auf der Halbinsel, nennt fast fünfzig Prozent derselben sein eigen. Es folgten weitere Investoren, die spekulative Landkäufe tätigten. So kommt es, dass heute 99 Prozent der auf der Halbinsel lebenden einheimischen Bevölkerung keine Landtitel besitzen. Und das obwohl sie teils schon seit Generatio-nen hier ansässig sind, sich ein Haus gebaut und dörfliche Infrastrukturen geschaffen haben, das Land bewirtschaften oder der Fischerei nachgehen.

Das Land, auf dem sie leben, müsste ihnen längst gehören. Denn ein nationales Gesetz gibt den Bäuerinnen und Fischern das Recht auf einen Landtitel, wenn sie während zehn Jahren ein Stück Land bewirtschaftet und bewohnt haben. Viele von ihnen übertreffen diese Anforderung um ein Mehrfaches. Aber in den letzten Jahren sind praktisch alle Verfahren, die von der Bevölkerung dazu angestrengt wurden, versandet. Egal wie gut und ausführlich dokumentiert die Fälle waren. Rechtsstaat? Fehlanzeige. Unabhängige Justiz? Fehlanzeige. Bedingungsloser, gesetzeswidriger Schutz der Interessen von Grossgrundbesitzern? Schon eher.

Diese haben es verstanden, einen Teil der einheimischen Bevölkerung mit fragwürdigen Methoden von ihrem Land und vor allem von der Küste zu vertreiben. Dazu gehört etwa, mit gezielten Geldzuwendungen Zwietracht in der Dorfbevölkerung zu säen, Versprechungen zu machen, die nie eingehalten werden, die widerspenstigen DorfbewohnerInnen mit Anklagen und Prozessen für teils frei erfundene Delikte zu überhäufen oder die Einheimischen zu bedrohen und physisch zu attackieren, wenn alles andere nichts hilft.

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Luxusanwesen statt Fischerdorf (c) Ueli Locher (PWS) 2019

An der so von der alt eingesessenen Bevölkerung gesäuberten Pazifikküste entstanden herrschaftliche Anwesen. Sie wurden verkauft, werden vermie-tet oder einflussreichen Personen zur Verfügung gestellt. Kaum einer der Privilegierten wohnt hier. Luxuriöse Ferien- und Wochenendhäuser. Auf der rund zweistündigen Fahrt der Küste entlang kommen wir gerade mal an drei Dorfgemeinschaften vorbei, die noch uneingeschränkten Zugang zum Meer haben und damit der Fischerei nachgehen können. Der ganz Rest ist im Privatbesitz und für die Fischer nicht zugänglich.

Lokalradio

Die Bootsfahrt ist Teil der jährlichen Feierlichkeiten des seit über 10 Jahren bestehenden Vereins für die Entwicklung der Halbinsel Zacate Grande (ADEPZA) und des am 14. April 2011 gegründeten Lokaradios «La Voz de Zacate Grande». Das Radio ist Teil der Bewegung, die sich für eine nachhaltige Entwicklung der Halbinsel einsetzt. Pedro Canales bezeichnet es als die rechte Hand von ADEPZA. Es schaffe bei der Bevölkerung Bewusstsein für die Entwicklungen auf der Halbinsel, informiere über kritische Ereignisse und rufe zum Widerstand auf. Zu Beginn sendete es ohne Bewilligung. Die Radio-macher wurden verhaftet, wegen unrechtmässiger Nutzung des Landes und illegaler Ausstrahlung von Sendungen angeklagt. Über 300 Ordnungskräfte von Polizei und Militär sperrten das Radiogelän-de ab und hängten ein gelbes Band mit der Aufschrift «Ort des Verbrechens» an die Türe. Die Grün-dung des Radios als krimineller Akt. Auch in der Folge wurden die Radiomacher wiederholt bedroht, eingeschüchtert und auch schon mal verprügelt oder vorübergehend festgenommen. Im Jahr 2011 kam es gar zu einem – zum Glück erfolglosen – Mordanschlag auf den damaligen Direktor. Die Radioleute liessen sich aber nicht einschüchtern. Wehrten sich gegen falsche Anschuldigun-gen. Beantragten und erhielten eine Frequenz für die Ausstrahlung ihrer Sendungen. Gelangten in den Besitz des Landes, auf dem der Sender steht. Und sie hielten über all die Jahre den Sendebetrieb aufrecht. Heute ist «La Voz de Zacate Grande» ein fester Bestandteil des Widerstandes auf der Halbinsel. 18 junge Leute zeichnen für das Programm verantwortlich und die Legalität des Radios ist längst etabliert.

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Pedro Canales mit dem gelben Band «Ort des Verbrechens» (c) Ueli Locher (PWS) 2019

Grund genug zu feiern. Über hundert Leute haben sich für die Festlichkeiten eingefunden. Die für solche Anlässe üblichen Reden dürfen nicht fehlen. Erinnerungen und Anekdoten werden hervor-gekramt. Widerstandsbewegungen aus anderen Teilen des Landes überbringen Grussbotschaften. Und immer wieder wird zum gemeinsamen Kampf für die Rechte der indigenen Bevölkerung, für die Bewahrung deren Lebensgrundlagen und den Schutz der Natur aufgerufen.

Der Abend wird emotional, melancholisch und gleichzeitig fröhlich. Musikalische Darbietungen verbreiten Feststimmung, ein bisschen Ausgelassenheit. Pedro mit seiner Gitarre und sein Bruder als Sänger machen den Anfang. Mit fortschreitender Stunde reiht sich eine spontane gesangliche Darbietung an die andere. Lieder aus dem Widerstandskampf. Liebeslieder. Lokale Folklore. Der Mix ist bunt und reich. Die Augen sind mitunter feucht.

Zonas de Empleo y Desarollo Económico

Die ausgelassene Stimmung im trauten Kreis darf aber nicht den Blick für die dräuenden Gewitterwolken am Himmel verstellen. Bereits 2013 wurde ein Gesetz verabschiedet, welches die Schaffung von «Zonas de Empleo y Desarrollo Económico» (ZEDE) ermöglicht. Solche Zonen für die wirtschaftliche Entwicklung erhalten eine eigene Rechtspersönlichkeit. Ziel ist es, nationale und internationale Investoren anzuziehen und möglichst attraktive Bedingungen für ihre Geschäftstätig-keit zu schaffen. Diese Zonen – sie können ganze Landstriche oder auch nur einzelne Infrastrukturen umfassen – sollen eine eigene Polizei, eigene Strafverfolgungsorgane und eine eigene Strafjustiz einsetzen. Mit dem Ziel die Steuern möglichst tief zu halten, errichten sie ein eigenes Steuerregime. Sie sind Zollfreigebiete, in denen der ungehinderte Warenverkehr oberstes Gebot ist. Zwar sollten sie auch eigene Institutionen für Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung und Forschung schaffen. Wie sie das tun, bleibt aber weitgehend ihnen überlassen. In dünn besiedelten Gebieten können solche Zonen ohne grosse Formalitäten definiert werden. Lediglich in dicht besiedelten Gebieten ist vor der Schaffung einer ZEDE eine Volksbefragung durchzuführen. Wer das Gesetz liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier kleine autonome Staaten im Staat geschaffen werden sollen. Kleinststaaten, in denen die Interessen einer kaum regulierten Wirtschaft über allem zu stehen scheinen.

Noch wurde in Honduras keine solche Zone geschaffen. Im kommenden Juni soll sich das ändern. Jüngst wurde in den Medien ein Grossprojekt für die Schaffung eines Containerhafens und -terminals im Süden angekündigt. Am Projekt beteiligt sollen Honduras, El Salvador und Nicaragua sein. Honduras würde mit einer ZEDE die Voraussetzungen für eine rasche Umsetzung schaffen. Betroffen könnten die Halbinsel Zacate Grande und die Insel Amapala sein. Die Schätzung im Artikel eines elektronischen Mediums, es müssten dafür gegen 130’000 Leute vertrieben oder umgesiedelt werden, scheint mir etwas gar hoch gegriffen. Aber auch wenn es am Schluss nur halb so viele sein sollten, wäre die Widerstandsbewegung auf der Halbinsel Zacate Grande mit der grössten Herausforderung in ihrer langen Geschichte konfrontiert.

Geniessen wir also den Moment. Feiern wir, was es heute zu feiern gibt.

Ueli Locher, Honduras Ende April 2019

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