Krisenzustand in Kolumbien

Die Welt ist mit Corona in den Krisenmodus eingetaucht. Auch in Kolumbien sorgt die Regierung mit rigorosen Massnahmen dafür, dass die Bevölkerung in Zeiten der Krise durchhält, mitmacht, zu Hause bleibt, um dem drohenden Kollaps des sowieso bereits am Anschlag stehenden Gesundheitssystems Einhalt zu gebieten. Ein solcher hätte katastrophale Folgen. Und doch ist dieser Krisenzustand im Prinzip nichts Neues für die Bevölkerung eines Landes, das seit 60 Jahren und bis heute von Konflikten geprägt ist. „Protracted conflict“ wird der Zustand, in dem sich Kolumbien befindet, von Expert*innen oft genannt; ein sich hinziehender, langwieriger Konflikt. Mit anderen Worten: die Krise im Dauerzustand.

Dies ist die erste und tiefgreifendste Erkenntnis, die man als Aussenstehende hat, wenn man die ländliche Bevölkerung Kolumbiens in ihren Dörfern besucht, mit ihnen Zeit verbringt, isst, redet, arbeitet und noch mehr redet. Das Gefühl einer ständigen Bedrohung von aussen ausgeliefert zu sein, mit deinen Handlungen das eigene oder das Leben deiner Familie und Gemeinschaft in Gefahr bringen zu können. Die Unsicherheit, ob dir die eigene Lebensgrundlage morgen noch gegeben sein wird, oder ob dir das Land, das du bestellst, dein Vieh oder die Nahrungsmittel, die du für den Selbstverbrauch anpflanzt, einfach weggenommen werden.

Die Unklarheit bezüglich des rechtmässigen Eigentums und der rechtlich erlaubten Nutzung von Land ist direkte Folge des Konfliktes und zugleich dessen Ursprung. Acht Millionen Menschen wurden in Kolumbien insgesamt durch gezielte Gewalt vertrieben. Nach Syrien ist Kolumbien somit das Land mit den meisten vertriebenen Menschen der Welt. Vertreibung war nicht nur ein Resultat und Nebenprodukt der steigenden Gewalt oder Armut im Land, sondern entwickelte sich zur gezielten Kriegsstrategie – und zu einem lukrativen Geschäft: Die Liberalisierung der Wirtschaft und der Rohstoffboom trieben die Bodenpreise in die Höhe und „freigemachtes“ Land wurde weiterverkauft oder für die Förderung von Rohstoffen vergeben. Heute steht die kolumbianische Einheit für Landrückgabe (URT, Unidad Restitución de Tierras) vor der schier unmöglichen Aufgabe, Licht in die Dunkelheit der gewaltsamen Vertreibungen zu bringen und Kompensationen zu verteilen. Doch selbst Gemeinden, die seit über 30 Jahren dasselbe Land bewohnen, sind von diesem immensen Rochade-Spiel der Landvergabe und Landumzonung, das von mächtigen wirtschaftlichen Interessen getrieben wird, nicht ausgeschlossen. Die von PAS (Pensamiento y Acción Social) und PWS (Peace Watch Switzerland) begleiteten Gemeinschaften zeigen dies deutlich. Unklarheit besteht über die Zuständigkeiten, Massnahmen und Absichten der staatlichen Institutionen in den zum Teil über zehn Jahre laufenden Prozessen. Beispielsweise, wenn die Nationalen Direktion für Land (ANT, Agencia Nacianal de Tierras) das Land neu vermisst und zuteilt, abwägt, wer wie lange wo welches Land bewirtschaftet, und nicht selten auch darüber entscheidet, ob gemeinschaftlich genutzte Feuchtgebiete wirtschaftlichen Interessen freigegeben werden dürfen.

In die Unsicherheit bezüglich Land und Lebensgrundlage mischt sich für die Bevölkerung in Kolumbiens ländlicher Region die konstante Bedrohung durch direkte Gewalt. Bewaffnete Gruppen, die in den Wäldern und Bergen Drogen und Waffen schmuggeln oder in gewissen Gebieten gezielt Präsenz markieren und ganze Wirtschaftszweige auch ausserhalb der informellen Tätigkeiten dominieren. Lokale Banden, die mit den kriminellen Netzwerken kollaborieren oder für diese Dienstleistungen ausführen. Kleinkriminalität, Drogenhandel, Erpressungen, Drohungen und Morde an sozialen Wortführe*innen. Und darüber die erdrückende Decke der Straflosigkeit, die jeden Keim der Hoffnung auf Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit zu ersticken droht.

Gemäss der NGO Indepaz (Institut für Entwicklungen und Frieden)sind seit Beginn des Jahres 72 sogenannte soziale Wortführer*innen und Menschenrechtsaktivist*innen in Kolumbien ermordet worden. Erst im Januar 2020 hat das Hochkommissariat für Menschenrechte der UNO grosse Besorgnis über die alarmierenden Zahlen der Morde an sogenannten líderes sociales im Jahr 2019 ausgesprochen und die kolumbianische Regierung dazu aufgerufen, ihre Massnahmen für die Sicherheit und Bewegungsfreiheit von Aktivist*innen zu verstärken. Die Zahlen von 2020 bestätigen diesen Trend und verstärken ihn sogar. Líderes sociales, sozial und politisch engagierte Menschen. Je nachdem, wie eng oder weit die Definitionen gefasst wird, beinhaltet er Ortsvorsteher*innen, Gewerkschaftsanführe*innen, Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen, Leiter*innen von NGOs, sowie auch Vorsitzende von lokalen Bauernorganisationen. Diese Morde sind ein Ausdruck der Macht, die illegale und gewalttätige Netzwerke über die Gesellschaft haben. Sie sind keineswegs ein neues Phänomen in Kolumbien und müssen als Fortsetzung langjähriger Konfliktdynamiken betrachtet werden. Die Gewalt gegenüber der sozialen Wortführer*innen geht zum Teil von den selben Akteuren und Gruppierungen aus, die während der 2000er Jahre für Gewalt und Vertreibung gesorgt haben. Neu ist höchstens, dass die Anzahl der bewaffneten Gruppen angestiegen und deren politische Agenda und Allianzen undurchsichtiger und komplizierter geworden sind. Kein Faktor, der das Gefühl von Bedrohung für die Bevölkerung einzudämmen vermag.

Auch in den von uns begleiteten Gemeinden manifestiert sich diese konstante Bedrohung. Um sich ein Bild der Sicherheitslage zu verschaffen, hat der Vorstand des Bauern- und Fischervereins Guayabos AGROPEGU auf einem Plakat eine Karte der unmittelbaren Umgebung aufgemalt, auf welcher sie mit roten Kreuzen die Morde des vergangenen Jahres in den umliegenden Gemeinden eingezeichnet haben. Neun Morde und zwei Verschwundene in einem Umkreis von ca. 20 km. Wie eine Schlinge ziehen sich die roten Kreuze um das Dorf Guayabo zu. Der letzte Mord fand erst Mitte Januar im Nachbarsdorf statt, ein Mitglied des lokalen Gemeinderats wurde mit zwei Schüssen im Kopf in seinem Haus aufgefunden. Er hatte zuvor mehrmals Anzeige wegen Viehdiebstahl und Präsenz bewaffneter Personen im Dorf erstattet. Wie die meisten Morde wurde auch dieser der „einfachen“ Kriminalität zugeschrieben. In den Köpfen der Bewohner*innen lauert jedoch die beunruhigende Frage, ob diese Morde nicht im Zusammenhang mit politischen Motiven stehen. Ob die mächtigen Wirtschaftsinteressen, die auch ihren Landprozess beeinflussen, nicht auch mit der lokal erlebten Gewalt zusammenhängen.

Zerstörtes Haus auf umstrittenen Land bei Guayabo

Das Land in der Region Magdalena Medio hat enormen Wert. Das sich ausbreitende Palmölbusiness zeugt davon. Ebenso die Tatsache, dass das Tal auf den grössten nationalen Schiefergas- und Schiefererölvorkommen liegt und als prioritäre Zone für die umstrittene Praxis des fracking zur Gewinnung dieser Rohstoffe deklariert wurde. Gemäss der britischen NGO Global Witness war Kolumbien 2019 das Land mit den meisten Morden an Umweltaktivist*innenist. Unzählige Wortführer*innen lokaler Umweltorganisationen leben aufgrund von Morddrohungen und Mordversuchen mit ständigem bewaffneten Begleitschutz. Von diesen Drohungen sind auch die Leiter*innen der von uns begleiteten Gemeinden nicht ausgeschlossen. „Wenn ihr da seid getraue ich mich, zu Hause bei meiner Familie zu übernachten“, erklärt uns Mario Gutierrez*, ein Mitglied des Vorstands von AGROPEGU. Die Begleitung von PWS und PAS hat den Partnergemeinden im mittleren Magdalena Tal Hoffnung und Energie gegeben, sich im Prozess um ihr Land den vielen Unsicherheiten – der konstant lauernden Krise – zu stellen. Sie war Ausdruck der Solidarität für eine gemeinsame Sache, und dass diese mit Gewaltfreiheit und unter Einhaltung der Menschenrechte erreicht wird.

Solidarität ist ein vielverwendetes Wort in Zeiten von Corona. Jedoch haben sich die Vorzeichen geändert. Abstand ist nun das neue Credo der Solidarität, das an die Stelle von Nähe und Begleitung getreten ist. Aus Solidarität, um die Gemeinden vor der Ansteckung zu bewahren, wurde die direkte Begleitung der Gemeinden abrupt eingestellt. Doch auch nach Corona wird das Gefühl der Krise für viele Menschen in Kolumbien nicht vorbei sein. Wenn Kolumbiens Bevölkerung etwas bewiesen hat in den letzten fünfzig Jahren des Bürgerkrieges, dann ist es, dass sie Stärke und Durchhaltevermögen besitzt. Dies wird sie auch in Zukunft brauchen. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Solidarität fortbestehen wird. Auch über die Landesgrenzen hinweg.

Felicitas Fischer, Kolumbien, April 2020

Bilder: Sonnenuntergang im Magdalena Medio – Zerstörtes Haus auf umstrittenen Land bei Guayabo, ©Felicitas Fischer 2020

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