Mein Land, Dein Land, Niemansland

KOLUMBIEN. Warum ist die Situation in den Gemeinden so kompliziert? Wofür kämpfen sie? Und warum dauert das so lange?

Grundsätzlich ist die Ausgangslage folgende: in den Gemeinden leben BauerInnen. Diese kümmern sich um Land, welches andere Leute Ihnen wegnehmen wollen.
Mal ist es eine Palmölfirma, mal ist es ein Großgrundbesitzer oder ein Drogenkartell. Wer das jeweils ist, spielt garnicht so eine große Rolle. Die jeweiligen “Gegner” versuchen den Gemeinden Angst einzujagen indem sie sie bedrohen, die angebauten Pflanzungen zu zerstören, Menschen verprügeln und vertreiben. Sie alle kämpfen mit ähnlichen Mitteln und streiten sich inzwischen auch vor Gericht mit den Bauern.

Aus europäischer Sicht klingt das alles etwas komisch, denn wie kann es denn sein, dass nicht klar ist, wem das Land gehört?
Kolumbien hat ein anderes System für die Verteilung von Land. Wenn Land für eine bestimmte Zeit nicht bebaut wird, dann kann es den Status “baldío” bekommen, was “Brachland” bedeutet. Liegt ein Land für mehrere Jahre brach, darf jeder dieses Land wieder benutzen. Durch das nicht nutzen des Landes fällt das Land zurück an den Staat und die Allgemeinheit.
Die Bauern, die wir begleiten, haben davon Gebrauch gemacht. Sobald das Land zurück an die Allgemeinheit gefallen ist, darf jeder sich diese Land aneignen und sich zu Nutzen machen.
Die Idee ist also folgende: Wenn Land unbenutzt ist, soll jeder es nutzen können und es sich dadurch ersitzen können. Nach mehreren Jahren, in denen man ungestört das Land benutzt hat, gehört es einem.
Der Unterschied zum europäischen System besteht also darin, dass Land, welches man gekauft hat, einem wieder weggenommen werden kann, wenn man es nicht verwendet.
So weit die Theorie.

Die Praxis?
Wer kann beweisen, wie lange das Land brach lag? Wie kann man beweisen, dass man selber schon die Zeitspanne der Ersitzung überschritten hat und das Land einem tatsächlich gehört? In einer Gegend, in der Grenzen mit einem Zaunpfahl abgesteckt und mit einem Handschlag besiegelt werden?
Vorausgesetzt man kann das irgendwie beweisen, kann man einen “Titulo” bekommen. Das ist in etwa das Äquivalent zu einem Grundbucheintrag in der Schweiz oder Deutschland. Der “Titulo” ist das entscheidende Beweisstück dafür, dass man rechtmäßig das Land beackern und bewohnen darf.
Die meisten der Bauern mit denen wir arbeiten, haben keinen “Titulo”. Häufig haben auch die Grossgrundbesitzer/Palmölfirmen/… keinen “Titulo”. Und so steht dann Aussage gegen Aussage, der eine sagt er ist schon 30 Jahre da, der andere sagt, er hat das Land vor 3 Jahren gekauft und er will es wieder haben.
Die eigentlich sehr faire und soziale Lösung des Staates führt also zu grosser Rechtsunsicherheit, welche die Leute im Ungewissen lässt und so mit die Einschüchterung durch die stärkere Partei noch zusätzlich füttert.

Also, was ist die Lösung?
Inzwischen gibt es ein Agencia Nacional de Tierras (Nationale Agentur des Bodens), welche die Vertrauensvolle Aufgabe hat, das Land neu auszumessen, und die Argumente beider Seiten zu prüfen und dann zu entscheiden, wem das Land zu steht. Natürlich versinkt diese Behörde grade in Arbeit und so geht es sehr lange bis eine Entscheidung getroffen wird. Und so bleibt die Rechtsunsicherheit weiterhin bestehen, die Bedrohungen gehen weiter und die schwächere Partei, die sich vorgenommen hat, nicht zu gewalttätigen Mitteln zu greifen, sitzt brav jeden Tag zuhause und wartet auf eine Antwort.

Jeder der in Deutschland schon mal einen Behördengang hinter sich bringen musste kann sich sicher erinnern, wie frustriert man danach ist, und dass man irgendwie ganz gerne mal fest gegen einen Mülleimer treten würde, weinfach weil alles so langsam, so kompliziert, so nervig ist!
Und jetzt stellt euch vor, ihr wartet seit mehreren Jahren auf euren “Titulo”. Jedes mal, wenn ihr nachfragt, werdet ihr vertröstet und euch wird was neues versprochen. Und wenn ihr jetzt noch nicht frustriert seid, dann stellt euch jetzt noch vor, dass der Beamte, der für euch verantwortlich ist, korrupt ist.
Hat jetzt jeder gegen den Mülleimer getreten? Ich denke schon.
Und genau das ist es, was mich jedes mal mit Bewunderung erfüllt, wenn wir in die Gemeinden reisen: Sie warten. Sie bleiben friedlich. Sie versuchen sich nicht zu viel Angst einjagen zu lassen. Sie hoffen weiter und versuchen mit den Mitteln, die Ihnen bleiben, ihre Familie zu ernähren.
Meinen vollen Respekt haben sie.

Sophia Zademack, 25.4.18 Kolumbien
ursprünglich veröffentlicht auf: https://9445kmfromhome.wordpress.com/category/blog-colombia/

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