Gerechtigkeit für El Guayabo?

KOLUMBIEN. Als wir am 6. Februar um 9 Uhr morgens mit dem Boot in Puerto Wilches eintreffen, prallt uns die Hitze bereits erbarmungslos entgegen. Wir befinden uns auf dem Weg aufs Polizeipräsidium, wo die Anhörung zur geplanten Vertreibung der Bevölkerung Guayabos in Kürze beginnen soll. Rodrigo erhebt Anspruch auf das Land von El Guayabo und hat mit Unterstützung der Polizei und des Paramilitärs bereits versucht, die Bevölkerung Guayabos von dort zu vertreiben (s. Blogeintrag vom 7. Juni 2018). Begleitet  werden wir von PAS-Koordinatorin Maritza sowie Gabriel, dem Anwalt der Gemeinschaft von El Guayabo.

Als wir den Verhandlungsraum betreten, sitzen Rodrigo, sein Begleitschutz sowie sein Anwalt bereits in der vordersten Reihe auf ihren Stühlen. Sie heben ihre Köpfe nur kurz, um uns zu begrüssen und wenden sich danach wieder ihren Geschäften zu. Die Stimmung scheint angespannt. Auch der Inspektor ist nicht gerade erfreut über unser Erscheinen und will uns zunächst des Saales verweisen. Er scheint sich offensichtlich durch die internationale Aufmerksamkeit und Präsenz belästigt zu fühlen. Der Anwalt der Gemeinschaft von El Guayabo gibt ihm aber zu verstehen, dass er auf unserer Schutzfunktion besteht. Schliesslich könne Rodrigos Begleitschutz ebenfalls unbehelligt an der Anhörung teilnehmen! Der Inspektor willigt schliesslich ein und erlaubt uns – wenn auch widerwillig – die ganze Verhandlung zu filmen.

Auch wenn wir nicht jedes einzelne Wort verstehen, das während der Anhörung gesprochen wird, so kriegen wir doch mit, dass eine Einigung ziemlich aussichtslos scheint. Der Inspektor wippt während der ganzen Verhandlung nervös mit seinen Beinen und rückt sich immer wieder die Brille zurecht. Man könnte fast meinen, er sei derjenige, der auf der Anklagebank sitzt. In seiner Unsicherheit zieht er sich denn auch mehrere Male zur Beratung zurück. Gabriel hingegen geht souverän vor und bleibt hartnäckig bei der Verteidigung der Anliegen der Gemeinschaft. Auch die Campesinxs verhalten sich während der ganzen Verhandlung ruhig und gefasst, was angesichts der massiven Verleumdungen und Schuldzuweisungen der Gegenseite erstaunlich ist. Die Einzigen, die hin und wieder (unfreiwillig) Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind die anwesenden Polizisten im Raum. Sie sind so vertieft in ihre Handy-Ballerspiele, dass sie dabei völlig vergessen, den Ton leiser zu stellen und der ganze Saal plötzlich durch ein lautes “Bäm, Bumm, Peng” aufgeschreckt wird.  

Es gelingt dem Inspektor nicht, eine endgültige Entscheidung zu fällen. Ob er die Verteidigung von El Guayabo unterschätzt hat? Er kündigt schliesslich an, dass die Verhandlung auf die kommende Woche vertagt wird.

Als wir am 14. Februar erneut nach Puerto Wilches fahren, wird uns auf dem Polizeipräsidium mitgeteilt, dass Rodrigo und sein Anwalt der Verhandlung fernbleiben. Der Inspektor hat den Antrag von Rodrigo abgelehnt, was zumindest als kleines Erfolgserlebnis für die Gemeinschaft von El Guayabo betrachtet werden kann. Es muss nun aber davon ausgegangen werden, dass Rodrigo seine Strategie ändern und einen neuen, besser ausgearbeiteten Antrag einreichen wird.

El Guayabo, Simone Dietrich, Februar 2019

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