Pressefreiheit

HONDURAS. Verpflegt werden wir. Auch wenn dazu keine formelle Verpflichtung oder Abmachung besteht. Wir essen dann halt, wenn sie das Gefühl haben, es sei jetzt an der Zeit, und nicht unbedingt wenn wir Hunger haben. Überhaupt sind wir sehr genügsam, duldsam, flexibel, anpassungsfähig und verständnisvoll.

Wir hätten Jairo um 11 Uhr an der Busstation in Choluteca abholen sollen, um ihn auf seiner Fahrt nach Tegucigalpa zu begleiten. Er meldet per Telefon, er sei verspätet. Gegen Mittag trifft er mit einem Freund ein. Zuerst geht es in die grosse Shopping Mall zur Bank und zum Telecomanbieter. Dann muss das Auto eines anderen Freundes in der Garage abgeholt werden. Danach fahren wir zu seinem Domizil, wo klar wird, dass ihn seine Frau und die achtjährige Tochter begleiten werden. Nun werden zwei Fahrzeuge bepackt, es wird ein- und umgeladen. Koffer, Taschen, Schachteln, riesige Plastikkörbe vollgestopft mit Wäsche. Das wird definitiv mehr als ein Wochenendausflug. Es folgen emotionale Verabschiedungen von Familie und Nachbarn. Der Reifendruck muss noch kontrolliert und Diesel nachgefüllt werden. Gegen zwei Uhr rollen wir aus der Stadt.

Jario ist Journalist und gehört damit zu einer der am stärksten bedrängten und bedrohten Berufs-gruppen im Land. So weist eine Statistik der UNESCO für die Zeit von 2009 (dem Staatsstreich) bis heute 36 gewaltsame Todesfälle von JournalistInnen in Honduras aus. Die meisten wurden nie aufgeklärt. Jairo hat korrupte PolitikerInnen, Beamte und UnternehmerInnen schonungslos angeprangert und sich damit stark exponiert. Sendeplätze (die er sich als Privatperson bei einer Fernsehstationen kaufen musste) hat er jeweils nach kurzer Zeit verloren. Heute betreibt er in eigener Regie eine Internetplattform, über die er seine Artikel verbreitet.

Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO führt aus:

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Jairo ist auch politischer Aktivist. Seit einem Jahr finden in Choluteca jede Woche Protestdemonstra-tionen gegen die Regierung statt. Da greift er gern zum Mikrofon und ruft die Teilnehmenden zum Widerstand auf. Anlässlich einer solchen Demonstration kam es zu Beschädigungen an den Gebäuden der honduranischen Energiegesellschaft. Jairo wurde als Anführer der Proteste bezeichnet und wegen der Sachschäden angeklagt. Das Gericht setzte ihn mangels Beweisen auf freien Fuss. Auf Bewährung. Er muss sich persönlich zweimal pro Woche beim Gericht in San Lorenzo melden und darf das Land nicht verlassen.

Ein Gericht anerkannte aber auch, dass er eine bedrohte Person ist und Anrecht auf Schutz hat. Seit Wochen wird er auf Schritt und Tritt von einem Polizisten begleitet. Das hat allerdings nicht verhindert, dass er vor ein paar Tagen am Rande einer Demonstration von der Polizei aufgegriffen, beschimpft, bedroht und ohne Begründung bis zwei Uhr in der Früh festgehalten wurde. Dass er sich an seinem Wohnort Choluteca seines Lebens nicht mehr sicher fühlt, verwundert nicht. Mit Hilfe einer Menschenrechtsorganisation möchte er für einige Wochen bis Monate an einem sicheren Ort abtauchen. Die Reise will er unbedingt in Begleitung machen. Er hat Angst.

So sitzen wir also in unseren grünen Gilets mit der weiss aufgestickten Aufschrift «Observacíon International – Peace Watch Switzerland» neben und hinter Jairo, der steuert. Bei einer allfälligen Kontrolle wären wir sofort als internationale Begleiter erkennbar. Im vom Freund gelenkten Fahrzeug folgen uns Frau und Tochter.

Auf der Fahrt kreisen meine Gedanken. Was geschähe wohl, wenn wir angehalten und bedroht würden? Liessen sich potentielle in Polizeiuniformen steckende oder angeheuerte AggressorInnen durch unsere Präsenz von Übergriffen abhalten? Würden wir am Ende gar selbst zu Zielscheiben? Würden wir rechtzeitig als internationale Begleiter erkannt? Sind wir so etwas wie «lebende Schutzschilder»?

Die Gewissheit, dass in Honduras internationale BeobachterInnen noch nie Opfer von Gewalt geworden sind und Jairo wohl im Vorfeld dafür gesorgt hat, dass unsere Begleitung auf seiner Reise nicht unbemerkt geblieben ist, bringt Entspannung. Und aus einer wagemutigen Aktion wird in Gedanken rasch wieder eine unspektakuläre Dienstleistung für eine bedrohte Person.

Die Reise verläuft denn auch ereignislos. Wir unterbrechen sie, um in einen überhitzten Kühler Wasser nachzufüllen und später, um uns zu verpflegen. Am Abend treffen wir die Kontaktpersonen, mit welchen wir Jairo und seine Familie zu ihrer vorläufigen Unterkunft begleiten. Gegen acht Uhr treffen wir in unserer Wohnung ein.

Nachdenklich, müde, aber nicht unzufrieden.

Ueli Locher, Tegucigalpa/San Lorenzo, Ende Februar 2019

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