Angeklagt! Zehn Campesinos sagen aus

KOLUMBIEN. Die Stimmung im Saal ist aufgeheizt – im wahrsten Sinne des Wortes: Der heftige Regen letzte Nacht hat für einen Stromausfall gesorgt, sodass die Ventilatoren den Geist aufgegeben haben. Zusammen mit ca. 40 Personen aus Guayabo und Bella Unión sitzen wir im heissen Verhandlungsraum in Vijagual und wischen uns den Schweiss von der Stirn. Es ist die zweite Verhandlung im Fall Rodrigo.

Ein kurzer Blick zurück: Im Jahr 2002 tauchte Rodrigo aus dem Nichts auf und behauptete, der Landabschnitt “San Felipe” hätte seinem verstorbenen Vater gehört und er hätte nun Anspruch darauf. Beweise konnte er keine liefern. Seit 30 Jahren bearbeiten die Campesin@s aus El Guayabo und Bella Union das Land. Die Vermutung liegt nah, dass Rodrigo bzw. seine Hintermänner das Land benötigen, um daraus mit dem Anbau von Palmplantagen oder Coca Profit zu schlagen. Sie scheuen keine Mittel, um die Campesin@s – wenn nötig auch mit Gewalt – vom Land zu vertreiben (s. Blogeintrag vom 7. Juni 2018).

Die beiden Anwälte liefern sich zeitweise heftige Wortgefechte. Rodrigo selber sitzt nur da, den Kopf nach unten geneigt, zuweilen unruhig mit den Beinen hin- und herwippend. Mit seinem roten Poloshirt, der Hornbrille und seiner glattrasierten hellen Haut sieht er aus wie ein Vorzeigestudent, der in seiner Freizeit gerne Golf spielt. Er hat nichts mit Hollywoods “Bösewichten” gemein, sieht fast noch jungenhaft aus. Doch es liegen schwere Anschuldigungen gegen ihn vor. Raul* ist der erste von zehn Zeugen, die heute gegen Rodrigo aussagen. Er erzählt mit ruhiger Stimme, wie einige von Rodrigos Männern ihn auf seiner Finca aufgesucht und auf ihn geschossen haben. Er hatte Glück und kam unverletzt davon. Eliana, eine Leaderin aus Bella Union, wurde von Rodrigos Männern bedroht, angegriffen und geschlagen, erzählt ihr Mann Santiago mit zitternder Stimme. Sie hätten die Situation ausgenutzt, als er nicht zuhause war. Dies sind nur einige von vielen Geschichten, die wir heute hier zu hören bekommen.

“Alles, was wir wollen, ist in Frieden unser Land zu bearbeiten. Aber das können wir nicht, weil wir von allen Seiten bedroht werden – sowohl von den Guerrillas als auch von paramilitärischen Gruppen“, ruft Camilo, einer der Leader aus Guayabo mit energischer Stimme aus. „Von diesem Bandit werden wir als Guerrilleros beschimpft“, und zeigt dabei auf Rodrigo. „Wir besitzen nicht mal Waffen! Unsere Machete kommt nur bei der Feldarbeit zum Einsatz“. Mit seiner bewegenden Rede erregt er sogar die Aufmerksamkeit von Rodrigos Anwalt, der die bisherigen Zeugenaussagen eher passiv und unbeteiligt zur Kenntnis genommen hat. Jetzt aber sitzt er aufrecht in seinem Stuhl, stützt sich auf seine mit Monstern tätowierten Arme und hört Camilo aufmerksam zu. Dessen Aussage scheint ihn sichtlich nervös zu machen, denn er beginnt, Rodrigo auf kleinen Zettelchen Notizen zuzustecken.

Nach etwa fünf Stunden nimmt die Verhandlung ein ziemlich abruptes Ende. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist? Gabriel, der Anwalt Guayabos, erklärt uns, dass alles nach Plan gelaufen und er optimistisch sei, dass sich der Prozess in eine positive Richtung entwickeln werde. Dies sei aber erst der Anfang eines sehr komplexen und langwierigen Verfahrens – in den kommenden Jahren werden noch viele weitere Verhandlungen folgen. Die Campesin@s sehen der Sache zuversichtlich entgegen. „Wir lassen uns nicht so schnell entmutigen!“ meint der Leader Camilo mit einem breiten Lachen und stösst mit Gabriel auf die Verhandlung an.

*Name geändert

Simone Dietrich, Barrancabermeja
Fotos: Leonie Pock

*Name geändert

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