Wir kämpfen für das, was uns der Staat verwehrt!

KOLUMBIEN. Anfangs Juni 2019 streikten die Schüler*innen elf staatlicher Schulen in Barrancabermeja, Santander. Aufgrund der Anfrage durch die in der Stadt ansässigen Nichtregierungsorganisationen und seitens der Schüler*innen nach internationaler Präsenz begleitete Peace Watch Switzerland (PWS) Teile des Streiks.

Die Türen des „Instituto Técnico Superior de Comercio“ sind am frühen Mittag des 4. Juni geschlossen. Hinein kommt nur, wem von den Schüler*innen die Tür zum Innenhof geöffnet wird. Die Fassaden des Gebäudes sind in diesen Tagen von farbigen Transparenten und Plakaten geziert, auf welchen die Forderungen der Schüler*innen zu lesen sind und die auf die Verantwortung des kolumbianischen Staats gegenüber Bildungsinstitutionen aufmerksam machen.

Im Inneren des Schulgebäudes werden wir von einer Gruppe Schüler*innen der zehnten und elften Klasse erwartet, die den Streik organisiert und koordiniert haben. Da die meisten von ihnen nur noch wenig Zeit in dieser Schule verbringen werden, kämpfen sie vor allem für die kommenden Generationen, welche andere Bedingungen haben sollen, erklärt uns Isabel*, welche den Streik mitorganisierte.

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Bereits im Jahr 2018 kam es in Barrancabermeja zu grossen Schüler*innenstreiks; diese wurden durch die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen den Schüler*innen und dem Bürgermeister, Fernando Andrade von der liberalen Partei beendet. Bis heute wurden die unterzeichneten Punkte jedoch nicht oder nur teilweise umgesetzt. So wurden beispielsweise die Abkommen zur Verbesserung und Instandhaltung der Infrastruktur nicht umgesetzt, und Teile des zwanzigjährigen Schulgebäudes bis heute nicht fertiggestellt, weiter wurden die Schäden des Erdbebens von 2015 nach wie vor nicht behoben. Zudem verfügt das Schulgebäude, welches täglich von fast zweitausend Schüler*innen genutzt wird, nur noch über knapp ein Dutzend funktionierende Toiletten, die restlichen sanitären Räumlichkeiten fungieren heute als Abstellräume.
Neu kommt hinzu, dass der Bürgermeister die Streichung des kostenfreien Transports für Schüler*innen beschlossen hat, was den Bildungszugang erschwert oder gar verunmöglicht und ausschlaggebend für einen erneuten stadtweiten Streik ist.

Wie uns erzählt wird, verfügen der Bürgermeister beziehungsweise die Rektorate der Schulen in Barrancabermeja über die nötigen finanziellen Mittel, um das Abkommen des letzten Streiks zu erfüllen. Jedoch liegt der Verdacht auf korrupte Geldflüsse nahe, wodurch die Gelder nicht oder nur teilweise in die Bildungsinstitutionen investiert werden. Lehrer*innen und Eltern kommen daher regelmässig für die Kosten auf und übernehmen somit die Verantwortung des Staats und der lokalen Behörden. Durch den Streik wollen die Schüler*innen auf das intransparente und vertragsbrüchige Verhalten aufmerksam machen und dadurch den öffentlichen Druck auf die Behörden erhöhen. Obwohl der Streik seitens der Polizei regelmässig gestört wird und die Schüler*innen durch repressive und kriminalisierende Strategien eingeschüchtert werden sollen, kann bis zu den einmonatigen landesweiten Schulferien ein Streik von drei Wochen verzeichnet werden. Momentan befinden sich die Schüler*innen in Gesprächen mit dem Bürgermeisteramt; sollten diese nicht zielbringend sein, wird der Streik fortgesetzt.

*Name geändert

Vera Zürcher, 16. Juli 2019, Barrancabermeja.


Legende zum Titelbild: Eingangstor des „Instituto Tecnico Superior de Comercio“              © Vera Zürcher, 2019.

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