Eine Entscheidung für die nächsten vier Jahre

KOLUMBIEN. Während sich in der Schweiz die Kandidierenden für die Parlamentswahlen am 20. Oktober bereit machen und für Stimmen kämpfen, passiert über den Atlantik hinweg in Kolumbien genau das Gleiche. Mit dem Unterschied, dass hier auf regionaler Ebene BürgermeisterInnen und GouverneurInnen um einen Wahlsieg kämpfen. Dazu werden eine Woche nach den Wahlen in der Schweiz, am 27. Oktober, fast 50 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer aufgefordert ihre Stimme abzugeben.

Dass jedoch auch auf regionaler Ebene freie Wahlen stattfinden können, ist ein Recht, das durch einen blutigen Kampf eingefordert wurde. Nicht zuletzt kämpften kommunistisch orientierte Guerillagruppen, ab den 1960er-Jahren, auch für eine Dezentralisierung des kolumbianischen Wahlsystems. Über 100 Jahre lang hatte der Präsident Kolumbiens das alleinige Recht inne, alle Bürgermeister und Gouverneure des Landes zu bestimmen. Da jedoch die Gewalt im Land nicht abnahm und immer mehr aufständische Gruppen eine politische Reform forderten, machte die Regierung für die Wahlen 1988 ein Zugeständnis und das erste Mal in der Geschichte des Landes wurden AnwärterInnen auf regionale Ämter nicht nur eingesetzt.

Vielleicht erklärt dieser historische Exkurs auch, warum der Einsatz und das Engagement für die entsprechende Wunschkandidatin oder den entsprechenden Wunschkandidaten so extrem hoch ist. Kenne ich aus der Schweiz bisher eine exponentielle Verbreitung von Wahlplakaten und kleiner Stände in den Innenstädten in der heissen Phase des Wahlkampfes, begegnen mir hier riesigen Bannern, gespannt vom einen Ende der Strasse zum anderen, Taxis, die ihre Scheiben mit Wahlwerbung plakatiert haben, Menschen, die an Ampeln vor wartenden Autos Schilder und Fahnen schwenken, und animierende Tanzauftritte auf zentralen Plätzen, die von den entsprechenden Kandidierenden gefördert werden. Dem Kampf um Stimmen und den finanziellen Mitteln scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Verwunderlich ist dann auch nicht mehr, wenn sich in einer Gemeinde wie Puerto Wilches, gelegen am Río Magdalena in Santander, die knapp 30‘000 EinwohnerInnen zählt, neun Kandidierende für das BürgermeisterInnenamt aufstellen lassen. Dadurch wird auch sichtbar, wie vielseitig die einzelnen Interessen immer noch sind. Dabei geht es nämlich schon längst nicht mehr allein um die Vertretung von Standardforderungen, wie geringere Arbeitslosenquoten oder mehr Bildungseinrichtungen. Die einzelnen Geldgeber der Kandidierenden sind meistens Grosskonzerne oder einflussreiche Persönlichkeiten auf nationaler Ebene, die bereits seit Jahren politische Macht im Land ausüben und sich durch die politische Hintertür Land- und Zugangsrechte sichern wollen.

Nicht nur die ehrliche Beschaffung von Stimmen muss darunter leiden. Auch kleine Dörfer, wie El Guayabo, welches ebenfalls zur Gemeinde Puerto Wilches gehört, spalten sich bei der grossen Frage um politische Zugehörigkeit. Für die Campesin@s, die seit Jahren um ihre Felder kämpfen und mitten in einem Gerichtsprozess um einen rechtmässigen Titel für dieses Land stecken, ist es essentiell die Kandidatin zu wählen, die ihnen diesbezüglich Rückhalt verspricht. Wenigstens für die nächsten vier Jahre, die offizielle Legislaturperiode für Ämter in Kolumbien. Unbegreiflich ist es ihnen dagegen, wie einige ihrer Nachbarinnen und Nachbarn, die den täglichen Kampf um eigenes Land miterleben, für einen der Gegenkandidaten, Jairo Toquica, stimmen können, der in der Vergangenheit mehrmals seine Nähe zu ehemaligen Paramilitärs betont hat und über den Prozess keine positive Meinung kundtut.

Dachte ich noch vor einigen Wochen, dass die Spaltung zwischen den einzelnen BewohnerInnen dieses Landes in der Vergangenheit bereits ihr Maximum erreicht hat, so muss ich feststellen, dass es immer noch eine Steigerung gibt. Die Steigerung in Kolumbien zeigt sich, wie schon zu Beginn des Konflikts, mehr als deutlich bei politischen Fragen. So scheint es, dass die Hoffnung auf eine Besserung der Situation immer noch in die Politik gesteckt wird, auch wenn diese seit über 50 Jahren einer der Gründe für die brutalen Kämpfe ist.

Hannah-Milena Elias, 14. Oktober 2019, Barrancabermeja

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Fotos: © Nadine Siegle 2019

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