Honduras. Internationaler Tag des Wassers 22. März 2021: Lassen Sie mich Ihren Tag unterbrechen!

“Oh, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die Autos nicht durchkommen!”

“Die werden auch mal Wasser wollen.”

Das war der Wortwechsel zwischen meiner Teamkollegin und mir, als wir einen Marsch zum Tag des Wassers in Costa Azul, Honduras, begleiteten. Die Demonstrant*innen hatten sich inmitten einer vielbefahrenen Strasse versammelt, und die Fahrzeuge konnten nicht passieren. Die Fahrer wurden wütend und haben ein “Hupkonzert” veranstaltet. Es tat mir leid, dass der Marsch ihren Tag unterbrach, aber das war der Moment, in dem ich die Einsicht hatte. Ja. Auch sie werden Wasser wollen. Wir werden Wasser wollen. Für mich, die ich aus der Schweiz komme, wo wir viele Quellen, Flüsse, Seen und Grundwasser haben, war das ein weit entferntes Problem. Weit in der Zukunft, etwas das mich vielleicht nie betreffen würde. Aber in diesem Moment habe ich verstanden, dass das Wasser für diese Gemeinde in diesem Moment schon ausgeht. Die Landschaft sieht trocken aus. Alles hat die gleiche braun-beige Farbe und ist mit trockenem Staub belegt. Die Flüsse haben kaum mehr Wasser, und die Trockenzeit hat gerade erst begonnen. Und ja, das hier sind wirklich echte Menschen, mit Gesichtern, Kindern, Grosseltern.

Ich habe irgendwo gehört, dass Honduras im Jahr 2040 gemäss einer Studie nicht mehr genug Wasser für die ganze Bevölkerung haben wird. Und dann? Dann werden die Menschen Wasser kaufen müssen. Woher? Womit? Es ist immer die gleiche Geschichte. Die Reichen haben Zugang zu Wasser, sie haben Wasserleitungen, sie haben einen Pool. Aber die Armen (und ich verwende dieses Wort hier nicht leichtfertig) haben das nicht.

Diese Woche haben wir ein abgelegenes Dorf in den Bergen besucht. Die Einwohner*innen dieses Dorfes haben Wasser für zwei Stunden am Tag, an den meisten Tagen. Für die übrige Zeit gehen sie zum Fluss, und von dort nehmen sie auch das Wasser für ihre Pflanzen; Früchte und Gemüse, das sie für den täglichen Verzehr benötigen. Und dieser Fluss trocknet aus. Nicht nur wegen des Klimawandels, was ein anderes Thema ist – gross und schwerwiegend, aber das lässt sich in diesem Moment nicht behandeln – sondern auch vom Wasserkraftwerk, welches das Wasser vermindert und verseucht. Sie denken jetzt vielleicht, oh, saubere und erneuerbare Energie für das Bergdorf! Wenn Sie das gedacht haben, muss ich Sie leider enttäuschen.

Es ist recht dreckige Energie, die an andere Länder verkauft wird. Dreckig, weil sie einer ganzen Gemeinschaft die Lebensgrundlage raubt – mehreren Dörfern, ohne dass diese etwas von diesem Handel gewinnen, im Gegenteil. Dies ist die tragische Geschichte von vielen, vielen “Erneuerbaren Energien”, die in Europa gerade so in Mode sind. Ich konnte es selber nicht glauben, bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Nein, erneuerbare Energie ist hier nicht sauber. Sie ist mit Blut und Schweiss der Einheimischen produziert, von den Personen, deren Rechte missachtet werden. Ihnen wird das Recht auf Wasser verwehrt, das Recht auf Leben. Und es kümmert niemanden. Es bemerkt nicht einmal jemand. Deswegen demonstrieren die Menschen auf der Strasse. Deswegen unterbrechen sie den Tag von Bus- und Lastwagen-fahrern. Lassen Sie mich Ihren Tag ebenfalls unterbrechen. Damit jemand diesen Frauen und Männern zuhört, die für diese Erde kämpfen, die uns alle ernährt.

Artikel von Sandra Kühne, PWS-Menschenrechtsbegleiterin im PWS-Projekt ACO-H in Honduras. Tegucigalpa, Mitte April 2021


Titelbild: Protestmarsch in Costa Azul, Choluteca/Honduras, zum Internationalen Tag des Wassers am 22. März 2021.

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