Die ZEDEs in Honduras – ein Erlebnisbericht mit kurzer Einführung

Artikel von Sandra Kühne und Deysi Blandin, internationale Menschenrechtsbegleiterinnen von PWS in Honduras.Tegucigalpa, im August 2021 

Was sind die ZEDEs? Sandra Kühne erklärt. 

In diesem Artikel versuche ich zu erklären, was die ZEDEs in Honduras sind, um die Erläuterungen, von Deysi Blandin in einen verständlicheren Kontext zu setzen. Deisy ist honduranische Menschenrechtsbegleiterin im Team von PWS-Honduras und meine Kollegin. 

ZEDE steht für Zona de Empleo y Desarrollo Económico – zu Deutsch: Zonen für Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung (Sonderzonen für wirtschaftliche Entwicklung). Drei solcher ZEDEs sind in Honduras bereits im Aufbau (Orquidea in San Marcos de Colón, Ciudad Morazán in Choloma und Próspera in Roatán) und etwa zehn weitere befinden sich in Planung. 

Die Kongressabgeordneten haben im Jahr 2013 eine Verfassungsänderung bewilligt, um die ZEDEs zu legalisieren. Diese verschafft den ZEDEs juristische Persönlichkeit mit eigenen Organen für die Gesetzgebung und Exekutive, die interne Sicherheit (Polizei), Gerichtsbarkeit und Schutz der Persönlichkeitsrechte. Dies führt zu einem totalen Verlust der staatlichen Souveränität in den Gebieten der ZEDE. Sie werden faktisch zu einer Art extraterritorialen Zone. 

Die ZEDEs versprechen Entwicklung für die Menschen von Honduras. Aber die Realität sieht so aus, dass die Zonen dort geplant oder gebaut werden, wo die grössten wirtschaftlichen und industriellen Kapazitäten bereits bestehen. Die ansässige Bevölkerung kann dafür umgesiedelt werden. Ebenso sind Naturschutzgebiete betroffen. Wie oben erwähnt, hat der Staat wenig bis keinen Einfluss mehr in den ZEDEs. Dies führt zum Beispiel dazu, dass unklar ist, wer in diesen Zonen vor Dogenhandel und organisiertem Verbrechen schützen soll. Ausserdem sollen für die Verwaltung hauptsächlich Personen mit spezialisiertem, technischem Wissen angestellt werden. Zusammengefasst bedeutet dies, dass nur eine Elite des Landes von diesen Investitionen profitieren wird. Für den Rest der honduranischen Bevölkerung bringen sie den Verlust ihres Landes und mehr Armut. 

Dieser Entwicklung, so wurde uns erklärt, könne nur der Kongress Einhalt gebieten, eine Einstellung der Investitionsgelder oder der Widerstand der betroffenen Bevölkerung. Die Menschen leisten bereits Widerstand, und immer mehr Stimmen von Institutionen und Organisationen des Landes schliessen sich diesem Protest an. 

Verschiedene Organisationen, die PWS begleitet, sind Mitglied der Regionalen Plattform gegen die ZEDEs, wie zum Beispiel ADEPZA (Basisorganisation auf der Halbinsel Zacate Grande), die “Red de Abogadas” (Netzwerk der Anwältinnen) und Massvida. PWS hat ADEPZA bei einer Kundgebung in Choluteca begleitet, bei welcher die Anwohner*innen der Departamente Valle und Choluteca ihr energisches “Nein den ZEDEs” ausdrückten. 

Meine Sicht als honduranische Menschenrechtsbegleiterin auf die ZEDEs 

Deisy Blandin erläutert (Übersetzung: Sandra Kühne) 

Die ZEDEs sind momentan zweifellos das Thema Nummer 1, das den Grossteil der honduranischen Bevölkerung sehr beschäftigt. Ich sage den “Grossteil”, da viele diesen “Überfall” auf unser Land noch nicht richtig verstehen oder nicht einmal darüber Bescheid wissen. Der Mangel an Information, die fehlende Empathie und das fehlende Bewusstsein bei vielen Menschen führen zu einer gewissen Gleichgültigkeit, von der unsere Behörden profitieren. 

Die Gefühle der Hilflosigkeit, der Wut und des Abscheus – die in mir und jedem anderen, der diese Nation und seine Leute liebt – geweckt werden, sind unbeschreiblich, wenn wir sehen wie die „Realität“ durch Korruption, Lügen, Ungleichheit und Falschheit vertuscht wird – anstatt der Bevökerung das anzubieten, das sie sehnlichst sucht und nicht findet: Arbeitsstellen, Möglichkeiten sich etwas aufzubauen oder sich beruflich und persönlich zu verwirklichen. 

Wir alle träumen von einem entwickelten Honduras, das nicht mehr zum Gewinn der immer Gleichen ausgebeutet wird. Wir alle wünschen uns sichtbare Veränderung und Fortschritt in unseren Departementen, Bezirken, Gemeinden und Städten, auf unseren Höfen. Ein Fortschritt kann nur unter Einbezug aller stattfinden: mit den Menschen, die ihren Lebensraum seit Generationen pflegen, die stark verwurzelt sind in ihrem Zuhause, mit dem Wald, dem Fluss, dem Strand und dem Meer. Personen, die ihr Erbe respektieren und würdigen und die Natur und ihre Ressourcen ehren und pflegen – und nicht respektlos ausbeuten. 

Menschenrechtsbegleiterin bei PWS-Honduras zu sein und die Realität aus Sicht der Organisation zu erleben, berührt mich tief als Honduranerin in meiner Menschlichkeit. Es weckt in mir den Wunsch, mit mehr Kraft „NEIN“ zu den ZEDEs zu sagen. Darum spreche ich darüber mit den Personen in meinem Umfeld, und erkläre ihnen, dass es sich lohnt, die Gemeingüter zu verteidigen. Ich sage es weiter und wecke das Verantwortungsbewusstsein, damit wir immer mehr werden, die aufklären und Widerstand leisten. 

Ohne jeden Zweifel sind wir stark und zäh. Die Honduranerinnen und Honduraner, die ein unabhängiges Honduras wollen, sind in der Überzahl. Als PWS-Menschenrechtsbegleiterin habe ich die Gemeinden und Basisorganisationen kennengelernt, die mutig ihre Rechte auf Mitbestimmung einfordern. Das gibt mir Kraft und Vertrauen. Als Bürgerin dieses Landes will ich mein soziales Gewissen immer lebendig halten und mich für ein freies und unabhängiges Honduras für alle engagieren. 

Bildlegende: Begleitung der Gemeinschaft ADEPZA, Halbinsel Zacata Grande am Golf von Fonseca, Honduras. Begleitet wird eine Informationsveranstaltung über die ZEDE-Gesetzgebung und die Auswirkungen der geplanten ZEDE für die Gemeinden der Region. 14. Juli 2021. 

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