Migration, Menschenrechte, Gemeingüter und Begleitung

Die Wirbelstürme Eta und Iota haben die zum Teil extreme Armut in der viele Honduraner*innen leben noch verschärft. Zur Armut kommen Korruption, Gewalt und Straflosigkeit. Am vergangenen 15. Januar haben sich mehrere Tausende Menschen in Honduras zu Fuss aufgemacht, um in die USA zu kommen. Hinter der Grenze zu Guatemala, über die mindestens 4500 Menschen gelangten, wurden sie von der Polizei und dem Militär Guatemalas brutal zurückgehalten.

Die Migration ist ein konstantes Phänomen, vor allem seit den neoliberalen Veränderungen der 1990er Jahre. Die Migrations-Karawanen, die seit 2018 stattgefunden haben, machen das Unsichtbare sichtbar. Viele Migrierende sagen, dass sie sich aufgrund des Mangels an Arbeit, Einkommen, und fehlender ärztlicher Versorgung auf den Weg machen.[1] Warum kommt es in einem Land, das reich an Boden, Ressourcen und menschlicher Intelligenz ist, zu einem solchen Defizit an Arbeit und Perspektiven? Warum müssen Tausende von Menschen – unter ihnen ganze Familien, Mütter mit Kindern, Ehemänner, die ihre Familien zurücklassen – eine solche Anstrengung auf sich nehmen und mit derart ungewisser Aussicht auf eine bessere Zukunft in ein anderes Land wandern?

Nach dem aktuellen Bericht der honduranischen Menschenrechtsorganisation ACI-Participa ist die Situation des Landes seit einigen Jahrzehnten davon geprägt, dass eine Mehrheit der Bäuer*innen über wenig und schlechtes Land verfügt, während sich die besten kultivierbaren Böden des Landes in den Händen von Großgrundbesitzenden befinden. Ein Teil der Ländereien ist dabei extensiver Viehzucht gewidmet, der Rest der exportorientierten Agrarindustrie mit Monokulturen von Zuckerrohr, Ölpalmen, Bananen, Zitrusfrüchten und anderem.”[2].  Obwohl die Ungleichheit in die Geschichte der Kolonisierung zurückreicht migrieren deshalb zunächst viele Menschen von ländlichen Gemeinden in die Städte, wo sie wiederum Armut und Arbeitslosigkeit erwarten. Darum gibt es immer weniger Landflächen, auf denen Gemeinschaften autonom von der Arbeit auf dem Land leben. Dazu kommen die extraktiven Industrien, die besonders seit dem Staatsstreich 2009 zugenommen haben; hauptsächlich Unternehmen für erneuerbarer Energien, Bergbau, landwirtschaftliche Monokulturen und Tourismus.

Letztlich ist das, was geschieht, eine Fortsetzung der Kolonialgeschichte und des Kapitalismus. Diese beiden Faktoren bilden eine untrennbare Einheit, sowohl global als auch in der internen Struktur des Landes. Der Tendenz nach wird der Komplex aus Menschen und Natur als Ressource betrachtet, um Gewinne zu maximieren. Die Politik privatisiert immer mehr essenzielle, soziale Bereiche wie Bildung und Gesundheitsversorgung [3] sowie große Teile der Natur und überträgt so das Politische in einen kommerziell-ökonomischen Bereich. Es kann von einer Ökonomisierung der Natur [4] gesprochen werden. Natürliche Ressourcen und die Arbeitskraft vergrössern das Kapital von Anlage und Finanzinstituten.

Wenn auch Projekte für erneuerbarer Energien – etwa Wasserkraftwerke – mit dem Schutz der Natur legitimiert werden, steht dies in krassem Gegensatz zur Auffassung einer Welt, mit der Menschen in größerer Nähe zur Natur zusammenleben und arbeiten, ohne Raubbau zu betreiben. So entspricht es der Kosmovision der ländlichen und indigenen Gemeinden.

In diesem Sinne geht es darum, auf nationaler und globaler Ebene, die Politik zu dekolonisieren und die Gemeinschaften, Menschenrechte und Gemeingüter zu verteidigen. Aktuell ist keine Perspektive erkennbar, die einen sozialpolitischen Wandel in den nationalen und globalen Systemen erwarten lässt. Aber es gibt ‘Inseln’ oder ‘Oasen’, viele Gemeinschaften, Verteidiger*innen der Menschenrechte und Gemeingüter, sowie viele Menschenrechtsorganisationen. Peace Watch Switzerland (PWS) – wie auch andere Organisationen – begleiten Gemeinden und Menschenrechtsverteidiger*innen, die Opfer von struktureller Gewalt werden, oder Gefahr laufen, wegen ihrer legitimen Proteste gegen Landraub vertrieben, kriminalisiert, festgenommen oder gar ermordet zu werden.

Um ein Beispiel zu nennen: Der Indigene Rat der Lenca von Reitoca verteidigt das Recht der Bevölkerung, weiter in ihrer natürlichen Umgebung leben zu können, und ist mit der strukturellen Gewalt von Unternehmen und staatlichen Behörden konfrontiert. Diese arbeiten an einem Staudammprojekt auf dem Gemeindegebiet.  Dies ohne eine vorherige, freie und informierte Konsultation der betroffenen Bevölkerung durchgeführt zu haben, wie sie von der Konvention 169 der ILO vorgeschrieben wird. Die honduranische Regierung hat die Konvention unterschrieben.

Im vergangenen Jahr hat der Rat der Lenca in kollektiver Aktivität am Fluss Bäume gepflanzt. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr die Verteidigung der Menschenrechte und Gemeingüter von öffentlichem Interesse ist und eine Bedeutung hat, die weit über die lokale Dimension hinausgeht. Sie trägt auch dazu bei, die Not, in Städte oder ins Ausland zu emigrieren, abzubauen.

Tegucigalpa, 15. Februar 2021, Daniel Stosiek


[1]              Radiosendungen von Radio Progreso (Honduranisches alternatives Radio) seit dem 14.01.2021.

[2]              ACI participa: Honduras. Corrupción, muerte y destrucción. Informe situacional de defensoras y defensores de los derechos humanos noviembre 2019-diciembre 2020, S. 19.

[3]              Ebd., S. 28.

[4]              Magdalena Heuwieser: Grüner Kolonialismus in Honduras. Land Grabbing im Namen des Klimaschutzes und die Verteidigung der Commons, Wien (promedia) 2015, S. 20ff.


Titelbild: © Mireia Izquierdo, 2020. Honduraner*innen fordern Gerechtigkeit und Mitsprache

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