Neue Methoden der Vertreibung

Vertreibungen der Zivilbevölkerung haben in Kolumbien seit jeher mit Gewalt stattgefunden. Grossgrundbesitzer und Viehzüchter, Drogenhändler und transnationale Unternehmen heuern bewaffnete Schlägertrupps an, um Bauern und Bäuerinnen gewaltsam von ihrem Land zu vertreiben. Oft wurde der bewaffnete Konflikt zwischen Staat und Guerillagruppierungen genutzt, um gegen Bauerngemeinschaften als angebliche Unterstützer der Guerilla vorzugehen und brutalste Massaker zu verüben. Seit die Gewalt im Lande im Zuge des Demobilisierungsprozesses der Paramilitärs und des Friedensprozesses mit den FARC merklich zurückgegangen ist, bedienen sich oben genannte Gruppen neuer und subtilerer Methoden, um sich Land für wirtschaftliche Groß-projekte, den Anbau oder Transport von Drogen oder andere Aktivitäten anzueignen. Zwar spielt die Gewalt und die Androhung von Gewalt immer noch eine wichtige Rolle in den vielen Landprozessen, doch die Mittel mit denen heute gegen BauerInnen vorgegangen wird, haben sich in vielen Fällen verändert, wenngleich sie ähnlich effektiv sind. Um diese Methoden und die Mischung aus psychologischem Terror, der Beeinflussung von Behörden und Gerichten, Drohungen, bewusster Spaltung von Gemeinschaften und Gewalt zu verdeutlichen, soll sich dieser Artikel mit dem Fall von Emilce, einer Bäuerin aus der Gemeinde Bella Unión und dem Kampf um die Verteidigung ihres Landes beschäftigen.

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Acht beerdigt, Tausende weiterhin verschwunden

Der 30. August ist der internationale Tag der Verschwundenen. Zu diesem Gedenktag fanden in ganz Guatemala verschiedenste Aktionen statt. Im internen bewaffneten Konflikt, der 36 Jahre dauerte, wurden mehr als 45’000 Personen gewaltsam verschwunden gelassen. Der Grossteil von ihnen wurde letztmalig in der Gewalt des Militärs oder der Polizei gesehen und tauchte seitdem nicht mehr auf. Ihre Angehörigen suchen die „desaparecidos“ seit mehr als 30 Jahren

Meine erste Reise als internationale Menschenrechtsbegleiterin führte mich nach Cobán, Hauptstadt der Provinz Baja Verapaz. Dort wurden am 30. August 2016 die sterblichen Überreste von acht dieser 45’000 vermissten Personen ihren Familien übergeben. FAMDEGUA (eine Organisation von Angehörigen von Verschwundenen) richtete den Anlass in Zusammenarbeit mit der FAFG (einem Insititut für anthropologische Forensik, welches die Exhumierung und Identifikation der Opfer übernommen hatte) aus. Continue reading

Neues Beobachterteam vor Ort

Es meldet sich das neue internationale Beobachterteam für Peace Watch Switzerland (PWS) aus Barrancabermeja in Kolumbien. Über die nächsten vier Monate werden wir über Neuigkeiten aus den Gemeinden El Guayabo/Bella Unión, EL Garzal/Nueva Esperanza und Las Pavas/Buenos Aires berichten, die regelmäßigen Lesern bereits bekannt sein dürften.

Während Teile Kolumbiens und der internationalen Öffentlichkeit das kürzlich unterzeichnete Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC (welches sich noch einem Referendum am 02. Oktober stellen muss) feiern, geht der Kampf für viele Gemeinden auf dem Land gegen die Vertreibung durch multinationale Konzerne und Infrastrukturprojekte, Grossgrundbesitzer mit offensichtlichen Verwicklungen in den Paramilitarismus oder zum internationalen Drogenhandel und korrupte oder untätige regionale Autoritäten und Behören praktisch unverändert weiter. Obwohl der Friedensvertrag, der von privilegierten Interessen häftig bekämpft wird, natürlich eine große Chance für das Land bietet, befürchten viele tatsächlich sogar einen erneuten Anstieg der Gewalt unter der sie seit mehr als 50 Jahren leiden und die immer stärkere und offenere Präsenz von neuen paramilitärischen Gruppen in Barrancabermeja und der ganzen Region des mittleren Magdalena kann hierfür ein Indiz sein.

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Indigene Gemeindeanführer freigesprochen

Der Prozess gegen sieben Anführer der Maya-Q’anjob’al gegen Wasserkraftprojekte in Huehuetenango endet nach über einem Jahr Haft mit Freisprüchen. Nach elf Verhandlungstagen kam das Gericht am Freitag, 22. Juli 2016, zu dem Schluss, dass die Anschuldigungen ungerechtfertigt waren und die sieben Angeklagten sofort freigelassen werden müssen.

Richterin Yassmin Barrios erklärte nach dem Urteilsspruch: “Wir Richter dürfen nicht instrumentalisiert werden. Es kann nicht sein, dass Personen ohne Beweise verhaftet werden. In diesem Fall liegen keine Beweise vor. Die Angeklagten sind unschuldig. Sie wurden ungerechtfertigter Weise als indigene Führer angeklagt. Das Justizsystem und die Unternehmen rufe ich auf, es zu unterlassen, weiterhin die indigenen Völker zu kriminalisieren. Wir alle haben das Recht, in Frieden zu leben.”

Der ganze Artikel von Barbara Klitzke Rozas (2014 als PWS-Freiwillige in Guatemala im Einsatz) vom 25. 07. 2016 kann auf amerika21 gelesen werden.

Las Pavas – Ein Hühnerzuchtprojekt und keine Neuigkeiten zum Rückkehrplan

Unsere zweitletzte Reise nach Las Pavas führte uns direkt auf die Finca von Cindy und Yamit. Sie leben seit April 2015 mit ihren beiden kleinen Kindern in Las Pavas. Besonders zu Beginn wurde Yamit regelmässig von den Arbeitern der Palmölfirma Aportes San Isidro verbal eingeschüchtert. Die Arbeiter drohten, seine Pflanzungen zu zerstören, ihn anzugreifen und die Finca niederzubrennen. Zwischenzeitlich hat sich die Lage etwas beruhigt und die Familie wird nicht mehr bedroht. Aus Angst vor Angriffen auf die Finca bleibt jedoch immer mindestens eine Person dort.

Am Tag vor unserer Anreise erhielt die Familie eine Solarzelle zugeteilt. Nebst elektrischem Licht produziert die Zelle auch Strom, um die Mobiltelefone aufzuladen und um ein Radio zu betreiben. Vorher brachte man die Mobiltelefone entweder bei den Nachbarn vorbei, die bereits eine Solarzelle hatten, oder unternahm den knapp einstündigen Ritt ins Dorf Buenos Aires. Die Familie hofft, bald eine zweite Solarzelle zu erhalten, damit sie genug Strom haben, um vielleicht sogar einmal einen Fernseher anzuschliessen.

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El Guayabo / Bella Unión: Ein Gefängnisbesuch und eine Hochzeit

Am 6. Mai 2016 berichteten wir über die Verhaftung des Leader Álvaro Garcia vom 24. April 2016. Álvaro ist noch immer im Gefängnis in Barrancabermeja und wartet auf seine erste Anhörung. Diese muss gemäss kolumbianischem Recht innerhalb der ersten 90 Tage nach der Verhaftung stattfinden. Bis jetzt wurde noch kein Datum bekannt gegeben.

Die Ungewissheit ist für Álvaro und seine Familie schwierig. Wegen der langen und beschwerlichen Anfahrt sowie den damit verbundenen hohen Kosten hat ihn bis anhin nur eines seiner sieben Kinder im Gefängnis besuchen können.

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Gute Nachrichten aus Las Pavas

Rückkehrplan und geplanter Ausbau von Infrastruktur

Die ca. 120 Kleinbauernfamilien von Las Pavas, welche sich in der Bauerngemeinschaft ASOCAB (Asociación de Campesinos de Buenos Aires) zusammengeschlossen haben, wurden im Jahr 2003 das erste Mal von ihrem Land vertrieben. In den Folge-jahren kam es zu drei Rückkehrversuchen, jedoch mussten die KleinbäuerInnen aus Sicherheitsgründen ihr Land jedes Mal erneut verlassen. Die vierte und letzte Vertreibung fand im Jahr 2009 durch die Sicherheitskräfte der Palmölfirma Aportes San Isidro statt. Continue reading

Landesweiter Marsch im Zeichen des Wassers

In der Woche vom 22. April 2016 fanden landesweit Märsche und Aktionen im Namen des Wassers statt, die sich am Freitag, 22. April, zum Tag der Mutter Erde in Guatemala Stadt trafen und eine Revision des Gesetzes  über das Abzweigen von Wasserläufen forderten. Viele der Organisationen oder Einzelpersonen, die wir (ACOGUATE) begleiten, beteiligten sich daran. Da unsere Begleitung jedoch nicht gefordert wurde, konnten wir leider nicht teilnehmen.

Ich hatte jedoch die Ehre, den unabhängigen Journalisten Timothy Boston kennen zu lernen, der die Bevölkerung im Aufmarsch begleitete und seine Erfahung in nachfolgendem Artikel und Fotoaufnahmen kundgibt.

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Leader verhaftet, Hausdurchsuchungen, Haftbefehle

Die Ereignisse in El Guayabo und Bella Unión haben sich in den letzten Tagen überschlagen. Am frühen Morgen des 24. April 2016 kam es in den Gemeinden El Guayabo und Bella Unión zu Hausdurchsuchungen sowie einer Verhaftung. Die Hausdurchsuchungen fanden in den Häusern und Fincas von vier Führungsmit-gliedern (leader) der Gemeinden statt. Nur einer der leader, Álvaro García, hielt sich zum Zeitpunkt der Durchsuchung in seinem Haus auf. Er wurde verhaftet und noch am selben Tag nach Barrancabermeja gebracht. Ihm wird unter anderem illegaler Besitz und Herstellung von Waffen sowie organisierte Kriminalität vorgeworfen. Die Anschuldigungen gründen auf Vorkommnissen vom Oktober und Dezember 2014, als es zu einer von starker Polizeipräsenz begleiteten Räumung einer Finca kam (siehe Infos dazu auf diesem Link (englisch)). Ob die anderen drei leader ebenfalls zur Verhaftung ausgeschrieben wurden, war zu diesem Zeitpunkt unklar. Continue reading

El Guayabo – Die Idylle trügt

Seit über zweieinhalb Jahren werden die Gemeinden El Guyabao und Bella Unón vom Grossgrundbesitzer Rodrigo Lopez Henao, welcher Anspruch auf das Land der Gemeinden erhebt, bedroht und schikaniert. Obwohl die Gemeindemitglieder die Vorfälle – u. a. Bedrohungen, unerlaubtes Betreten und Nutzen der Grundstücke und gezielte Zerstörung – immer wieder anzeigen, ist es bis anhin noch nie zu einer Verurteilung gekommen. Auch der Bitte nach staatlichem Schutz sind die Behörden nicht nachgekommen. Viel mehr treten Vertreterinnen der Behörden immer wieder zusammen mit Henao in Erscheinung. Erst diese Woche erschien Henao zum Beispiel unangekündigt und grundlos in Begleitung von Polizisten, um das Land von zwei Gemeindemitgliedern zu vermessen. Solche Aktionen zeigen das Machtungleichgewicht.

Sibylle Schaffhauser und Monika Stucki, Barrancabermeja, 6. Mai 2016