“Wir können nicht noch eine Frau verlieren”

KOLUMBIEN. Der 25. November markiert den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Wie gross das Problem von Aggressionen gegenüber Frauen und Femiziden in Kolumbien auch im Jahr 2019 noch ist, erlebten wir unmittelbar in der Zusammenarbeit mit der Organización Femenina Popular (OFP). Dabei mussten wir lernen, dass die erste Reaktion, der instinktive Drang einzugreifen, nicht immer der beste Weg ist. Nicht selten kann dies unvorhergesehene Auswirkungen haben.

Neben den fünf Comunidades begleitet Peace Watch Switzerland (PWS) auch die OFP, die sich seit bald 50 Jahren mit bewundernswerter Ausdauer in der Region Magdalena Medio für Frauenrechte und die soziale Entwicklung einsetzt. Eines Abends erhielten wir einen Anruf von Rebecca*, einer der Verantwortlichen des “Casa de la Mujer” in der Nähe des Peace-Watch-Hauses. Wir sollten so schnell wie möglich vorbeikommen. Es könnte sein, dass sie noch am selben Abend unsere Begleitung benötigen.

Hürden der Justiz und der familiären Situation

Als wir ankamen, war bereits eine hitzige Diskussion im Gange. Eine Sozialarbeiterin, eine Anwältin, eine Psychologin und drei weitere langjährige Aktivistinnen der OFP debattierten über einen Vorfall: An Nachmittag hatte eine junge Frau das Haus der OFP aufgesucht, das eine wichtige Anlaufstelle für Frauen im Quartier und der Stadt ist. Sie war vor einiger Zeit Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Soweit, dass sie mehrere Tage im Spital behalten wurde. Nach ihrer Entlassung war sie mit den enormen Hürden sowohl der Justiz als auch der sozialen und familiären Umstände konfrontiert. Ihre Versuche, den Täter – ihren Lebenspartner – anzuzeigen, blieben erfolglos. Mehrere Wochen später gelangte sie nun an die OFP, um mit der Hilfe dieses Netzwerks Anzeige zu erstatten und sich helfen zu lassen, aus ihrer Situation – aus dem Einflussbereich des Angreifers – herauszukommen.

Was danach passierte, bereitete auch den erfahrenen Frauen der OFP Kopfzerbrechen. Die junge Frau hatte die Dokumente ihrer ersten Anzeigeversuche und Arztberichte zuhause vergessen. Diese waren aber unerlässlich für das weitere Vorgehen. Sie musste also zurück, um diese zu holen. Doch seither hat niemand der OFP mehr etwas von ihr gehört. Sie kam weder zurück, noch meldete sich in anderer Form. Was konnte man nun tun, um dieser Frau zu helfen?

Prägende Erfahrung

Um die Reaktionen der Frauen der OFP an diesem Abend besser zu verstehen, muss noch etwas zurückgespult werden. Femizide sind auch im heutigen Kolumbien leider keine Seltenheit. Erst eine Woche vor dem geschilderten Vorfall war eine junge Frau von ihrem Partner getötet worden, trotz der Versuche der OFP, ihr zu helfen. Es war der allererste Fall von Lorena*, der neuen Anwältin der OFP. Wie sehr sie diese Erfahrung geprägt hatte, war in der Diskussion an jenem Abend deutlich spürbar. “Wir können nicht noch eine Frau verlieren!”, fasste sie in Worte, was alle im Raum dachten.

“Für eine würdige und effiziente Betreuung bei Behördengängen, die das Leben der Frauen garantiert.”

Es wurde also diskutiert, wie die junge Frau aus ihrer Situation herausgeholt werden könnte, bevor es möglicherweise zu spät ist. Da die Frau offenbar kein Telefon besass, war diese Kontaktaufnahme keine Option. Die Idee, auf dem Polizeiposten des Quartiers anzurufen, verwarfen die Frauen ebenfalls schnell. Niemand weiss, mit wem der verantwortliche Quartierspolizist vernetzt ist oder zusammenarbeitet. Und ebenso wenig ist bekannt, wie gross das Netzwerk und der Einflussbereich des Täters ist.

Sorge um die Sicherheit

Weiter wurde darüber debattiert, noch an diesem Abend in das entsprechende Quartier zu fahren. Eine genaue Adresse hatten sie nicht, doch es war bekannt, in welcher Strasse und ungefähr in welcher Häuserreihe das Opfer wohnt. Die jüngeren Aktivistinnen der OFP waren überzeugt: Es musste schnell gehandelt werden, die Frau musste aufgesucht und aus ihrem Haus geholt werden. “Aus Erfahrung wissen wir: Sobald wir einen Fuss in das Quartier setzen, folgt uns jemand auf Schritt und Tritt”, gab Gabriela*, eines der langjährigen Organisationsmitglieder, zu bedenken. Sie könnten sich dort nicht frei bewegen, ohne dass es registriert würde – von Drogenbanden und möglichen anderen illegalen Akteuren, aber auch von den Nahestehenden der betroffenen Frau.

Auch María Fernanda* mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der OFP war überzeugt, dass eine solche überstürzte Suchaktion mehr Schaden anrichten könnte als auf den ersten Blick ersichtlich. Wäre die Frau heute Nacht vor Ort nicht auffindbar, würde der plötzliche Auftritt der Aktivistinnen sicherlich die Nachbarn und dadurch höchstwahrscheinlich auch den Täter auf den Plan rufen, dass die junge Frau externe Hilfe gesucht hatte. Zudem war ihnen klar, dass die Sicherheitslage im Quartier nicht zu unterschätzen ist. Obwohl diese kämpferischen Frauen in solchen Situationen keine Angst um sich selbst zuzulassen scheinen, wäre es auch für die erfahrenen Barranqueñas zu gefährlich, als Gruppe sechs “quartierfremder” Frauen in der Dunkelheit dort aufzukreuzen.

Tarnung der Kontaktaufnahme

Nach längeren Abwägungen, bei denen die ersten Ideen alle verworfen werden mussten, zeigte sich: Es war Geduld gefragt. Die ausführliche Diskussion hatte die Idee aufkommen lassen, die Kontaktaufnahme mit dem Opfer als allgemeine Tür-zu-Tür-Aktion zu tarnen. Sie könnten am nächsten Morgen eine Art Werbeaktion mit Flyern der OFP im entsprechenden Quartier durchführen, ihr Angebot präsentieren und sich so zum Haus des Opfers vorarbeiten, konkretisierte Rebecca den Vorschlag. Sie besprachen die Logistik und waren sich schliesslich einig: Dies war das strategisch sinnvollste Vorgehen für alle Beteiligten.

So machte sich eine Vierergruppe am nächsten Morgen auf den Weg. Die Frauen klopften an unzählige Haustüren. Die des Opfers musste ebenfalls dabei gewesen sein. Doch die junge Frau war nicht auffindbar. Entgegen der Hoffnung aller Beteiligten meldete sie sich auch in den Tagen danach nicht mehr bei der OFP. Alle hatten sich viel von der Aktion versprochen. Doch am Ende konnten sie bloss weiter hoffen, dass die Frau doch noch zurückkommen würde oder eine andere Möglichkeit gefunden hatte, der Gewalt zu entkommen. Und wer weiss, vielleicht hat die Tür-zu-Tür-Aktion ja in einem anderen Haushalt einen Samen für eine bessere Zukunft gesät.

*Namen geändert.


Nachtrag:
Kurz nach der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags erhielten wir von Rebecca, einer der OFP-Aktivistinnen, die erfreuliche Nachricht: Der jungen Frau ist es gelungen, mit ihren Kindern die Stadt zu verlassen und woanders unterzukommen, ausser Reichweite des Täters.
(8. Dezember 2019)


Día Internacional de la No Violencia contra la Mujer

Für den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen vom 25. November mobilisierte die Organización Femenina Popular (OFP) in Barrancabermeja mehrere Hundert Frauen für eine gewaltfreie Kundgebung, die hauptsächlich beim Parque Camilo Torres stattfand. Auch die sechs Frauen der OFP, welche an jenem Abend gemeinsam die Tür-zu-Tür-Aktion planten, waren mit viel Herzblut und einer beeindruckenden Überzeugungskraft dabei. In bewegenden Reden und mit Gesang wurde die Wichtigkeit des gemeinsamen Respekts betont und den Opfern der jüngsten Vorfälle gedacht. Die Frauen und Männer, die aus unterschiedlichsten Dörfern der Region angereist waren, präsentierten ihre farbenfrohen Banner und erhoben ihre Stimmen. Trotz Farben und fröhlichen Momenten, nichts konnte über die Wut und Trauer über die weiter andauernde Unterdrückung der Frauen hinwegtäuschen. Sie waren sich einig: “Lebendig und frei wollen wir sein.”


Nadine Siegle, 26. November 2019, Barrancabermeja

Fotos: © Nadine Siegle 2019

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