Honduras. Wie wirkt sich die Corona-Krise in indigenen Gemeinschaften in Honduras aus?

Peace Watch Switzerland (PWS) begleitet seit 2018 die Gemeinschaft von Reitoca. Dort wehrt sich der indigene Rat der Lenca gegen den Bau eines Wasserkraftwerks. Ein Energie-Konsortium hatte von der Regierung die Lizenz dafür bekommen. Am oberen Flusslauf wurde bereits mit dem Bau begonnen. Der lokalen Bevölkerung hatte man erklärt, es sei ein kleines Projekt, das auch die Bewässerung der Felder flussabwärts begünstige. In Wahrheit werden für das Projekt grosse Rodungen vorgenommen. Den Dörfern unterhalb der Staumauer wird der Wasserhahn zudreht. Das gefährdet ihre Lebensgrundlage, Fischbestände werden zerstört.

Die Nahrungsmittel und die Gesundheit – zwei Hauptprobleme für bäuerliche Gemeinschaften in der Corona-Krise

In den vergangenen Wochen hat die honduranische Regierung Familien in ländlichen Gemeinden einen Lebensmittelkorb geschickt. Diese Hilfe ist Teil des Programms «Solidarisches Honduras» – ein Nothilfeprogramm, wofür Honduras auch internationale Mittel erhalten hat. Die lokalen Behörden sind für den Kauf und für die Verteilung zuständig. Magdaleno, eine Führungsmitglied des Indigenen Rats der Lenca von Reitoca, berichtet dazu, dass dieser Lebensmittelkorb pro Familie einen offiziellen Wert von 35 Dollar vorsieht, tatsächlich aber nur Waren für 15 Dollar enthalte. Die Verteilung erfolge alle zwei Wochen und reiche nicht aus, um die Menschen, die sich wegen der Ausgangssperre nicht mehr selber versorgen können, zu ernähren.

Wie Magdaleno weiter berichtet, werde die Übergabe der Lebensmittel selektiv ausgeführt. Das Hauptkriterium sei die Zugehörigkeit oder die Sympathiebekundung zur Liberalen Partei (Partido Liberal), zu welcher der aktuelle Bürgermeister von Reitoca gehört. «Mit der Lebensmittelverteilung macht die Partei Politik, die Verteilungen der Nahrungsmittel wird jeweils als Fototermin genutzt. Zudem enthaltet der Warenkorb neben Suppenpulvertüten und Butter auch bereits gespendeten Reis, der also nicht mit dem Geld aus dem Nothilfeprogramm gekauft worden ist“. Magdaleno beschreibt damit die bestehende Verflechtung und die Korruption in der Verwaltung der staatlichen Hilfen und beklagt den eklatanten Mangel an Transparenz bei der Umsetzung des Programms. Hilfsprogramme sind konditioniert und bieten «Geschäftsmöglichkeiten».

Im Gesundheitssektor sieht es nicht besser aus. Honduras hat generell eine völlig veraltete und ungenügende Gesundheitsversorgung. In Reitoca, berichtet Gisella, eine andere Führungsperson in Reitoca, gebe es nur wenige Fachkräfte und kaum weitere Ressourcen im Umfeld. «In der Gemeinde erstellen die Krankenpfleger*innen ihr eigenes antibakterielles Gel, sie werden nicht beliefert. Die Regierung hat auch keine Präventionsmassnahmen ergriffen. Die erreichbaren Krankenhäuser haben kaum Ausrüstung. Es scheint der Regierung zu passen, dass das Virus in dieser Bevölkerung Opfer fordert», so Gisella.

Was passiert also mit all jenen, die keine genügende Hilfe erhalten? Mit jenen, die nicht in den Listen der politischen Parteien stehen oder nicht bereit sind, ihre politische Zugehörigkeit zu verhandeln? Der Indigene Rat der Lenca sucht einen Ausweg: «Als Rat kauften wir Bohnen und Mais, um es den Alten in den Dörfern zu bringen, welche am stärksten von der Situation betroffen sind. Wir tun dies in Reitoca und in Aguas Calientes, weil die Menschen dort wegen des Widerstands gegen geplante Projekte am meisten marginalisiert sind» erklärt Magdaleno.

Die Menschen in Gemeinschaften wie Reitoca sind nicht nur wegen der konkreten Lebensbedingungen, wie der strukturellen Armut, der Intransparenz und offensichtlichen Korruption bei der Verteilung von Lebensmitteln und dem Fehlen von sanitären und medizinischen Massnahmen, von der Corona-Krise besonders betroffen. Es kommt hinzu, dass die organisierte Bevölkerung, die ihre Rechte einfordert, auch hinsichtlich der Hilfsmassnahmen gezielt benachteiligt wird. Es sind gerade Basisorganisationen wie der Indigene Rat von Reitoca, die das Unrecht jetzt benennen, aber auch dafür sorgen, dass möglichst alle Menschen versorgt werden und so den Zusammenhalt, den Frieden und die Solidarität in der Gemeinschaft fördern.

PWS, Tegucigalpa / Berlin, Anfang Mai 2020, Beitrag von Evelina Vargas, übersetzt von Daniel Stosiek; beide sind Menschenrechtsbegleitende von Peace Watch Switzerland (PWS) in Honduras. Daniel ist Anfang Mai nach Deutschland zurückgekehrt und arbeitet von dort aus für PWS.


Titelbild: © PWS

 

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