Von den unsäglichen Mühen einer starken Zivilgesellschaft

Guatemala braucht eine starke Zivilgesellschaft

So hiess es nach den Friedensverträgen von 1996, als das vom 36-jährigen bewaffneten internen Konflikt (Conflicto Armado Interno, CAI) schwer geprägte Land sich daranmachte, seine Wunden zu heilen.

Der vergangene 5. April, ein froher, Gemeinsamkeit und Zusammenhalt ausstrahlender Marsch unter blauem Himmel mit grosser Teilnehmerzahl[1], die Begehung des internationalen Tags der Umwelt, eine «Caminata del Medio Ambiente» von Chuchuapa nach Santa Maria Ixhuatán im Departement von Santa Rosa stärkte bei mir die Überzeugung: Es gibt hier eine starke Zivilgesellschaft! Es gibt sie jedenfalls im Departement Jalapa und im Departement Santa Rosa, wo zwei Organisationen tätig sind, welche ACOGUATE begleitet.

Continue reading

Aus dem Leben eines Acos in Guatemala

Nun bin ich bereits zwei Monate hier in Guatemala. Das Klima hier auf 1500 m Höhe ist angenehm, mit starker Sonne und in den letzten Tagen manchmal bis gegen 30°C, aber meist mit angenehmem Wind und bisher kaum Regen. Irgendwann in den nächsten Wochen ist aber der Beginn der Regenzeit fällig. Die meisten Tage bisher waren klar, so dass man vom Dach aus die nächsten Vulkane sehen kann.

Der Blick vom Dach nach unten geht auf die Terrasse des obersten Geschosses mit den Zugängen zu den zwei Schlafräumen, und dazwischen zu Waschküche und Dusche/WC. Das WG-Leben hier ist eng wie in einer SAC-Hütte, bei der man vor zehn Jahren den Hüttenwart weggespart hat: also basisdemokratisch-chaotisch, was mir als älterem Semester die Angewöhnung erschwerte.

Continue reading

Neuer Schub für den Widerstand in San Pablo

In Guatemala werden Grossprojekte mit allen Mitteln durchgesetzt. Staat und Justiz stehen oft auf der Seite des Stärkeren.

Am 21. März 2017, am Vortag des internationalen Tags der Erde, besuchten wir im Zentrum von San Pablo, im Departement San Marcos an der Grenze zu Mexiko, eine Feier zur Freilassung von sechs politischen Gefangenen. Grund für ihre Kriminalisierung war eine für Guatemala typische Konfliktsituation zwischen Wasserkraftwerksbetreibern und der lokalen Bevölkerung. Einer dieser Akteure ist die Betreibergesellschaft HidroSalá, die ein Wasserkraftwerk in der Finca Argentina und umliegenden Ländereien plant.

Continue reading

Der «Día Internacional de la Madre Tierra» in El Estor

22. April – Internationaler Tag der Mutter Erde, nicht Tag der ‘Umwelt’ oder Tag der ‘Schöpfung’

So wurde es am 22. April 2009 von den Vereinten Nationen mit der Resolution A/RES/63/278 festgelegt.[1] Es gibt viele internationale Tage, aber ohne Gesicht bleiben sie Pflicht oder leere Hülse. So erging es mir bisher mit dem 22. April. Er war ein gewöhnlicher Tag, wenn er nicht auf Ostern fiel. Das hat sich geändert, seit ich als Menschenrechtsbeobachterin für ACOGUATE tätig bin. Der Tag trägt nun das Gesicht von Angélica Choc, einer aussergewöhnlichen Frau, welche seit der Tötung ihres Gatten Adolfo Ich Chamán am 27. September 2009 nicht nur Witwe, sondern zur unentwegten Menschenrechtsverteidigerin wurde. Mit der Namensgebung «Dia de la Madre Tierra» haben die Vereinten Nationen damals bewusst ein Zeichen zur Anerkennung der indigenen Völker gesetzt. Zwei Acos durften den wichtigen Gedenktag kürzlich vor Ort beim Haus von Angélica Choc in El Estor am Lago de Izabal miterleben. Wie kam es dazu?

Continue reading

Archivo Histórico de la Policia Nacional: Erinnern, um nicht zu Wiederholen!

Am 25. März besuchten wir zum Abschluss unserer Ausbildung bei ACOGUATE das Archivo  Histórico de la Policia Nacional (AHPN). Der Besuch hat mich berührt. Trotz des unfassbaren Ausmasses der Gräuel ist das Archiv ein Ort der Hoffnung und Versöhnung, weil es Tausenden von Opfern Gesicht und Namen zurückgibt.

Licht ins Dunkel – das verschollene Archiv taucht auf

In seinen 36 Jahren forderte der „Conflicto Armado“ mehr als 200’000 Opfer und eine Million Menschen wurden vertrieben. 45’000 Menschen sind „spurlos“ verschwunden. Entführt, verschleppt, gefoltert, ermordet. Entstellt wurden sie in Massengräbern verscharrt oder einfach auf die die Strasse geworfen. Laut dem Bericht der internationalen Wahrheitskommission sind 93% der Opfer durch den Staat, Militär, Polizei und Geheimkommandos zu verantworten, wogegen lediglich 3% der Verbrechen durch die Guerilleros verübt wurden. Wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beteiligung am Staatsterror wurde 1996, als Bestandteil der Friedensabkommen, die Policia Nacional  aufgelöst. Doch einflussreiche Kreise widersetzten sich der historischen Aufarbeitung des Grauens. Hartnäckig wurde die Existenz eines Archivs, das die Vorfälle belegt hätte, bestritten. Im Juli 2005 brachte ein Zufallsfund Licht ins Dunkel und alle Beteuerungen wurden als glatte Lügen entlarvt.

Continue reading

Trauer, Wut und Empörung

In vergangen Monat bewegte die Katastrophe in einem Jugendheim die Menschen in Guatemala. Eingeschlossen in der Aula, den Flammen wissentlich ausgeliefert, fanden 40 junge Frauen einen qualvollen Tod.

Frauenorganisationen und betroffene Menschen riefen zu Anteilnahme und Protest auf. Tausende versammelten sich auf der Plaza de Constitución. Ein Blumenmeer und brennende Kerzen bezeugen immer noch Anteilnahme und Solidarität mit dem Opfern und ihren Angehörigen. Und sie klagen an: die notorischen Missstände und Korruption im Staat sowie Sexismus und Rassismus in der Gesellschaft.

Das Gedenken vor dem Parlamentsgebäude war nicht nur Ausdruck der Trauer und des Schmerzes sondern auch Zeichen von Wut und Empörung. Zwei Wochen lang kehrten jeden Abend Menschen zurück, um zu Gedenken. Sie fordern Sühne für die Opfer, Justiz für die Verantwortlichen und den Rücktritt der verantwortlichen Politiker.

Continue reading

Angekommen!

Nun lebe ich seit sieben Wochen in Guatemala. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte mir vorgestellt, in ein warmes, grünes Land zu reisen. Das Gegenteil traf ein. Das Hochland um Quetzeltenango, wo ich die ersten Wochen verbrachte, zeigt sich zu dieser Jahreszeit braun, ausgedorrt und mit sehr erfrischenden Temperaturen.

Doch die Freundlichkeit und Höflichkeit der Menschen in Xela, so heisst die Stadt in der Sprache der indigenen Einheimischen, hat mich sehr berührt. In einer Stadt mit über 200’000 Menschen grüsst man sich auf der Strasse! Was für ein Widerspruch  zur verdeckten und offenen Gewalt, welche das Leben der Guatemaltekinnen und Guatemalteken auch prägt.

Continue reading

Une lutte inlassable pour les terres Ch’orti’

Traduction de l’espagnol de l’interview d’Elodia Castillo Vásquez

Publié le 8 février 2017 par ACOGUATE

Elodia Castillo Vásquez est maire indigène depuis qu’elle a 22 ans, actuellement présidente de la « Coordination d’associations et communautés pour le développement intégral du peuple Ch’orti’ » – COMUNDICH. Cette organisation s’articule autour de 48 communautés indigènes des départements de Zacapa et Chiquimula et a comme objectif le renforcement de l’identité culturelle du peuple maya Ch’orti’ et la restitution des terres ancestrales. En plus de cela, Elodia Castillo Vásquez s’engage pour la promotion et l’égalité de genre ainsi que pour une jeunesse active au sein d’une société ouverte. Continue reading

Zwischen Hoffnung und Bangen in Puerto Barrios

Die letzte Phase des Prozesses von Angélica Choc dauert nun bereits mehr als zwei Monate. Insbesondere die Verteidigung des angeklagten Mynor Padilla nutzte die Zeit der sogenannten Schlussfolgerungen, um ihre Argumente in Endlosschlaufe vorzutragen. „Jedes Argument tragen sie fünf bis sechs Mal vor. Besser gesagt, sie schreien sie“, erzählt uns die Anwältin von Angélica, Marta García, in einer Anhörungspause. „Für Angélica ist das traumatisierend.“

Continue reading

Angélica Choc – Urteil hinter verschlossenen Türen?

In Puerto Barrios, Izabal wird im Fall gegen Mynor Padilla (Ex-Sicherheitschef der Nickelmine CGN) am 30. November die letzte Phase des Prozesses beginnen.

(älterer Blogbeitrag zum Fall von Angélica Choc hier)

Während Angelica Choc in die Schweiz reiste, um ihren Fall vor verschiedene UNO-Instanzen zu bringen, endeten in Puerto Barrios am 17. November die mittlere Phase des guatemaltekischen Prozesses gegen den mutmaßlichen Verantwortlichen am Tod ihres Mannes. Während diesem Teil eines Strafprozesses werden Zeugen und Zeuginnen angehört und Beweise vorgelegt, er heisst „fase de debate oral y publico“ (Mündliche und öffentliche Verhandlungsphase). In Puerto Barrios geschah dies jedoch hinter verschlossenen Türen. Bereits im Februar 2016 beschloss die Richterin Ana Leticia Peña Ayala, den Prozess ohne Zugang der Öffentlichkeit abzuhalten – angeblich zum Schutz der Geschädigten.

Continue reading