von Bernhard Erni, Mitglied des Vorstands von Peace Watch Switzerland.
Category: Deutsch
Wahlen in Honduras: Ein Gespräch mit Pedro Canales
Pedro Canales ist langjähriger Leiter der Asociación para el Desarrollo de la Peninsula de Zacate Grande (ADEPZA), einer Basisorganisation zur lokalen Entwicklung auf der Halbinsel Zacate Grande im Süden von Honduras. ADEPZA wehrt sich gegen die Enteignung ihres Landes durch Grossgrund-besitzende. Am 27. Oktober 2021 hat Pedro Canales den «Premio Nacional, Carlos Escaleros» erhalten. Das ist eine hohe Auszeichnung für Menschenrechtsverteidiger*innen. Peace Watch Switzerland (PWS) begleitet ADEPZA seit beinahe 10 Jahren.
Bernhard Erni, Vorstandsmitglied von PWS, hat Pedro Canales zu einem Gespräch über die anstehenden Wahlen und die Arbeit von PWS getroffen. Bernhard Erni befindet sich derzeit in Honduras.
Bernhard Erni: Pedro Canales, in Honduras werden am 28. November ein neues Parlament und ein neuer Präsident gewählt. Was hat die abtretende Regierung in den vergangenen vier Jahren geleistet?
Pedro Canales: Neben der politischen Macht liegen inzwischen auch die wirtschaftliche, finanzielle und auch die juristische Macht in den Händen des Präsidenten und seiner Parteifreunde. Dazu gehören die Grossgrund-besitzenden – auch die von Zacate Grande. Ihnen gehören – gemäss bedingt rechtlichen Landpapieren – 99% der ungefähr 50 Quadratkilometer grossen Halbinsel. So war in den vergangenen vier Jahren unser Kampf um unser Land, um Landpapiere und der gesetzlich verankerten Mitbestimmung, ein Kampf gegen übermächtige Windmühlen.
Bernhard Erni: Wir stehen vor Neuwahlen. Was erwartest du von diesen Wahlen?
Pedro Canales: Die Wahl wird – wie bisher – wahrscheinlich nicht korrekt verlaufen. Doch die Vorbedingungen sind besser als vor 4 Jahren. Aber: In Honduras hegen wir grossen Zweifel an der Klasse von Politiker*innen, die sich zur Wahl in den Kongress stellt. Die Opposition mit dem Partido LIBRE wird vielleicht einige zusätzliche Mandate gewinnen. Auch werden neue Kandidat*innen gewählt werden. Sie versprechen Vieles und Grosses. Sie werden sich aber – wie oft geschehen – in die Reihe der Mächtigen einreihen. Zudem wird die eigentliche Macht – die Wirtschaft, die Finanzen, die Rechtsprechung, die Polizei und das Militär – in denselben Händen bleiben wie bisher.
Bernhard Erni: Pedro Canales, welchen Einfluss wird dies auf die Situation auf der Halbinsel Zacate Grande haben?
Pedro Canales: Zum Beispiel: Jemand will einer Investorin ein Stück Land verkaufen. Er erhält ein gutes Angebot. Dann kommt der Grossgrundbesitzende und sagt: Das Land gehört mir, nur ich habe gültige Landpapiere. Und so verkauft der Grossgrundbesitzer das Land an die Investorin. Bäuerinnen und Bauern aber, die seit Generationen das Land bebaut und davon gelebt haben, gehen leer aus und werden vom Land vertrieben.
Aber trotz allem: Das honduranische Volk – und auch wir in Zacate Grande – werden weiter um unsere Rechte kämpfen und für ein menschenwürdiges Leben, gegen die Armut und die Zerstörung unserer Umwelt. Dies wird in Zukunft noch schwierig sein!
Bernhard Erni: PWS begleitet euch seit ungefähr 10 Jahren. Hat euch das geholfen? Inwiefern kann die Begleitarbeit auch in Zukunft wichtig sein?
Pedro Canales: PWS hat in der Vergangenheit eine herausragende Arbeit bei uns geleistet. Dies sagte ich kürzlich auch zwei freiwilligen Begleiterinnen von PWS. PWS begleitet hier in der Region in verschiedenen Orten bedrohte Gemeinschaften, in Reitoca, Prado, Costa Azul und in El Triunfo. Das erhöht eure Wirkung. Die Mächtigen hier in der Region haben dadurch mehr Respekt. Das schützt uns auch in Zacate Grande. Von einigen Organisationen
erhalten wir finanzielle Unterstützung. Das ist wichtig. Ihr gebt uns aber etwas anderes: Eure Präsenz! Als Einsatzleistende vor Ort. Langfristig, verlässlich, sichtbar für die Mächtigen. Das fordert von ihnen mehr Respekt uns gegenüber – anstatt Willkür. Das habe ich persönlich schon öfters erfahren. Die Begleitarbeit von PWS ist für die Menschen hier fundamental. Und ich betone: fundamental – auch in Zukunft – besonders für Zacate Grande.
Bernhard Erni: Vielen Dank, Pedro Canales, für das Gespräch
Tegucigalpa, Honduras, 27. Oktober 2021
Die Arbeit in einem Team aus nationalen und internationalen freiwilligen Menschenrechts-Begleiter*innen
Von Jhony Arango, Marina Bieri, Deysi Blandín und Kathrin Klöti, internationale Menschenrechtsbegleiter*innen von PWS in Honduras.
In Honduras ist PWS die einzige Organisation für internationale Menschenrechtsbeobachtung und -begleitung, deren Team sich nicht nur aus internationalen, sondern auch aus nationalen Freiwilligen zusammensetzt. Damit befinden wir uns in einer anderen Situation als unsere Schwesterorganisationen, die ausschliesslich internationale Teams haben. In diesem Artikel möchten wir die Vorteile dieser Besonderheit analysieren und uns fragen, ob sie auch Nachteile mit sich bringt.
Continue readingEin Pakt für den Erhalt von Land und natürlichen Ressourcen
Artikel von Marina Bieri, internationale Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras. Tegucigalpa, im September 2021.
Viele der Organisationen, die PWS begleitet, sehen sich mit der Ausgangslage konfrontiert, dass die gewählten Politiker*innen die Interessen der indigenen Bevölkerung ignorieren und Entscheide zu ih-rem eigenen Vorteil fällen. Es wird bewusst in Kauf genommen, dass Gemeinschaften ihre Lebens-grundlage verlieren oder sie werden gar von ihrem Land vertrieben, das sie über Jahrzehnte bewirt-schafteten. Versprechen, die im Wahlkampf gegeben wurden, werden nicht gehalten. Das Wasser-kraftprojekt in der Gemeinde Guajiquiro mit seinen negativen Auswirkungen auf die Lebensgrundlage der lokalen Lenca-Bevölkerung bildet somit keine Ausnahme. Aus diesem Grund führt die autochthone Umweltplattform der Lenca von Guajiquiro, PALAGUA, den Widerstand gegen das Projekt an.
Continue readingDie ZEDEs in Honduras – ein Erlebnisbericht mit kurzer Einführung
Artikel von Sandra Kühne und Deysi Blandin, internationale Menschenrechtsbegleiterinnen von PWS in Honduras.Tegucigalpa, im August 2021
Was sind die ZEDEs? Sandra Kühne erklärt.
In diesem Artikel versuche ich zu erklären, was die ZEDEs in Honduras sind, um die Erläuterungen, von Deysi Blandin in einen verständlicheren Kontext zu setzen. Deisy ist honduranische Menschenrechtsbegleiterin im Team von PWS-Honduras und meine Kollegin.
Continue readingDas «Do no Harm»-Konzept in der PWS-Begleitung
Artikel von Lizeth Cuellar, internationale Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Hondruas. Übersetzt wurde der Beitrag von Kathrin Klöti. Tegucigalpa, im August 2021
Das Konzept von «Do no Harm» ist ein transversaler Ansatz, der vorgibt, dass jede Aktion einer Organisation reflektiert und analysiert wird.
Continue readingReitoca: Der Bau eines Wasserkraftwerks und dessen Folgen
Dieser Film wird präsentiert vom Projektkonsortium zum Schutz der Menschenrechte in Honduras: HEKS-Honduras, COFADEH, ACI-Participa, Plataforma Internacional contra la Impunidad, PWS.
Der Film zeigt die Geschichte und den Konflikt der Gemeinde Reitoca im südlichen Honduras. Die honduranische Regierung hat 2012 die Lizenz für den Bau eines Wasserkraftwerks auf dem Gemeindeterritorium von Reitoca bewilligt, ohne die AnwohnerInnen wahrheitsgetreu über das Vorhaben informiert und befragt zu haben. Das Projekt schränkt die Wasserversorgung in der Gemeinde stark ein und verursacht Schäden in der Umwelt. Die Menschen in Reitoca wehren sich gegen das Projekt und werden dafür kriminalisiert. PWS begleitet die Gemeinde von Reitoca auf Anfrage seit 2018. Am 5. August 2021 sind Angehörige der Nationalen Polizei in Reitoca in die Häuser von Personen eingedrungen, die den Widerstand gegen das Kraftwerk anführen. 5 Personen wurden verhaftet, weitere wurden geschlagen und eingeschüchtert.
Der Kampf um Wasser und Leben in Guajiquiro, Departement La Paz, Honduras
Artikel von Guido Eguigure, Leiter des PWS-Projekts ACO-H und PWS-Vertreter in Hondruas. Übersetzt von Kathrin Klöti, internationale Menschenrechtsbegleiterin von PWS in Honduras.
Tegucigalpa, Juni 2021
Wer zum ersten Mal nach Guajiquiro reist, einer Lenca-Gemeinde im Departement von La Paz, ist auf Anhieb von mindestens drei Dingen beeindruckt: Von der Schönheit der grünen und üppigen Berge, die auf mehr als 2’200 Metern Höhe über Meer den Himmel zu küssen scheinen, von der Freundlichkeit der Menschen und von deren Entschlossenheit, für ihr Land zu kämpfen. Korrupte Politier*innen wollen ihnen dieses nämlich entreissen. Der erste Besuch bei der Gemeinde von Guajiquiro ist zweifellos Liebe auf den ersten Blick. Guajiquiro ist einer der schönsten Orte in Honduras.
Continue readingHonduras. Erfahrungsbericht zu meinem ersten Eindruck in Honduras: Ich bin empört!
Ich bin erst seit gut zwei Monaten hier in Honduras und es fällt mir schwer zu glauben, was ich sehe, höre und lese. Ich wusste ja, bevor ich hierherkam, dass die Situation in Land schwierig und kompliziert ist. Aber dies im Detail zu sehen, lässt mich staunen und macht mich wütend.
Die Ungerechtigkeit und die Heuchelei in der Führung dieses Landes sind unverschämt. Es gibt etliche Organisationen, die für Gerechtigkeit kämpfen, sich einsetzen, die Menschenrechte verteidigen und schützen – aber Veränderungen zeigen sich nur langsam.
Continue readingHonduras. PWS-Begleitung für COFADEH in einem Gerichtsverfahren gegen vier Polizisten
Die internationale Menschenrechtsbeobachtung umfasst je nach gesetzlichem Rahmen und gesellschaftlichem Kontext unterschiedliche Bereiche und Instanzen. In der internationalen Begleit- und Beobachtungsarbeit von Peace Watch Switzerland (PWS) sind die Sichtbarkeit und das Monitoring der aktuellen Menschenrechtslage in Honduras essenziell.
PWS begleitet aktuell die honduranische Organisation Komitee der Angehörigen von Inhaftierten und Verschwundenen in Honduras (auf Spanisch kurz COFADEH) beim öffentlichen Prozess gegen vier Polizisten des Tigre-Kommandos[1] wegen des mutmasslichen Mordes an Rinel Argueta. Der Prozess vor dem Gericht von Juticalpa wurde am 27., 28. und 29. April durchgeführt, die Abschlussphase des Prozesses ist am 4. Mai und die Urteilsverkündung für den 15. Juni 2021 geplant.
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